Es liegt ein Rumoren in der
glasklaren Luft. Als hätte ein riesiges Fabelwesen Magenknurren.
Ich starre dorthin, wo schon seit Minuten alle Ferngläserträger
hinstarren. Der See, er liegt ganz ruhig, das Ausflugsboot,
es hält einen respektvollen Abstand. Trotzdem,
die über 70 Meter hohe Küste aus Eis, sie
scheint zum Greifen nah. Da. Ein Zischen. Die Spannung
unter den Zuschauern löst sich zeitgleich mit
einer Eiskante von der Größe eines mehrstöckigen
Wohnblocks. Unter donnerndem Grollen kalbt der eisige
Gigant, gewaltige Brocken der bizarren Eisformationen
plumpsen in den Lago Argentino.
Nicht der Berg, sondern der Gletscher rief. Perito
Moreno heißt er, liegt unweit der Stadt Calafate
im patagonischen Niemandsland. Einer, der sich gleich
mit zwei Auszeichnungen schmückt: Weltkulturerbe
und einziger „lebender“ Gletscher – er
wächst pro Jahr um 2 Meter. 30 Kilometer lang,
bis zu 4 Kilometer breit wächst er heraus aus
dem Gebirgsmassiv der Anden, wie eine lange, silbrige
Ader. Zumindest aus der Ferne. Ganz nah und das Silber
weicht einem blau-grünen Farbenspiel, das erstaunlicherweise
dann am intensivsten leuchtet, wenn sich der Himmel
zugeknöpft und regnerisch gibt. Heute ist so ein
Tag. Ich würde mich gern einer Gruppe Wagemutiger
anschließen, die sich anschickt zu Fuß und
per Steigeisen im Inneren des Kolosses zu verschwinden.
Hätte ich die richtige Tour gebucht ... . Macht
nichts, denn meine führt mich am folgenden Tag
an einen anderen Ort im faszinierenden Nationalpark
Los Glaciares. Per Bus geht es von Calafate ins 50
Kilometer entfernte Punta Bandera, dort legt eine schicke
Barkasse zu einer knapp zweistündigen Fahrt Richtung
Onelli Halbinsel ab. Über uns kreisen Kondore,
während wir immer wieder riesigen Eiswürfeln
ausweichen, die wie stumme Vorwürfe in unserer
Passage treiben. Aus den Bordlautsprechern tönt
leise Geigenmusik, ob sich deshalb bei mir kurz leichte
Titanic-Stimmung breitmachte? Doch keine Angst, schließlich
macht der Bootsführer diese Reise täglich.
Und auch diese hat ein Happy End. Für ein paar
Stunden setzt man uns ab. Wir wandern durch Gehölz,
neugierig gemustert von einem Kommando ausgewildeter
Rinder, die wie Bergziegen über die steilen Hänge
sprinten. Immer spärlicher wird der Baumbestand,
bis wir einen Punkt erreichen, der ein unglaubliches
Panorama spendiert. Aus dem Wald heraus bleibt der
Blick an drei Gletscher gleichzeitig hängen, die
gemeinsam in einen See zu fallen scheinen. Ein beklemmender,
gleichsam magischer Ort.
Patagonien, das ist wie ein Planet. Bizarr, rau, schroff,
fast abweisend. Aber nur auf den ersten Blick. Planet
Patagonien, der ist dort, wo viel Wind und wenig Menschen
zu Hause sind. Größer als Frankreich, weniger
Einwohner als Hamburg. Dort wo sich Steinwüsten
und Savannen abwechseln, wo in der frischen Luft stets
ein Hauch von Abenteuer zu spüren ist – die
legendären Banditen Butch Cassidy und Sundance
Kid, so geht die Mär, ritten bis in das Kaff Rio
Gallegos, um eine Bank auszurauben – wo wilde
Pferde die wenigen Pisten kreuzen und wo der Frack
die bevorzugte Bekleidung ist … 2 Millionen Pinguine
auf der Peninsula Valdes können nicht irren. Die
Gletscher liegen schon fast am südlichen Ausgang – danach
kommt das Ende der Welt namens Feuerland – am
nördlichen Eingang öffnet San Martin de los
Andes das Tor Patagoniens. Hier beginnt der Nationalpark
der Sieben Seen, hier beginnt der wunderschöne
Camino de los Siete Lagos, eine knapp 185 Kilometer
lange, nur in Teilen asphaltierte Strecke, die in Bariloche
endet. Mit dem Auto keine 4 Stunden, wenn ... ja, wenn
man es eilig hat. Doch wer kurz hinter San Martin auf
die ersten Serpentinen stößt, in der Ferne
funkelt die schneebedeckte Mütze des Vulkans Lanin,
rechter Hand grüßt einige Stockwerke tiefer
im tiefsten Blau der See Lacár und reflektiert
das gleißende Sonnenlicht zurück in den
ohnehin schon azurblauen Himmel, der fährt erst
einmal zum nächsten Aussichtspunkt. Genießt.
Und denkt, dass an dem platten Spruch „Der Weg
ist das Ziel“ doch etwas dran sein muss. Für
mein erstes Ziel braucht es nicht einmal ein Auto,
Quila Quina ist innerhalb von 3o Minuten von San Martin
per Boot aus zu erreichen. Für die meisten ist
das Mapuche Reservat (patagonische Ureinwohner) nur
ein Zwischenstopp auf dem Weg tiefer in den Nationalpark,
andere steigen hier zum Baden und Spazierengehen aus.
Ich vertrödele in der Mittagshitze im beliebten
weil einzigen Café am Anleger gleich so viel
Zeit bei köstlichen frambuesa licuados (das sind
Milchshakes aus Waldhimbeeren), dass ich anschließend
erst auf dem kieseligen Felsstrand einschlafe und mich
anschließend zur Wiederbelebung in den eiskalten
Gebirgssee abkommandiere. Strafe muss sein. Am nächsten
Tag mache ich mich dann wirklich auf den Weg, genauer
auf die Ruta 234, Etappenziel ist auf halber Strecke
das winzige Villa Angostura, eine 3000 Seelen Gemeinde,
ebenfalls gelegen, wie könnte es anders sein,
an einem See. Die Fahrt dahin dauert ewig, nicht weil
dichter Verkehr herrscht – bis auf ein paar Bauarbeiter,
die an einer Verbesserung der Straßenverhältnisse
puzzeln, ist kaum jemand unterwegs, sondern weil man
einfach jedes Mal anhalten muss, sobald sich der Wald
lichtet und die Sicht freigibt auf eine atemberaubende
Kulisse, wie man sie sonst nur aus amerikanischen Western
kennt. Wasserfälle (die Vulignanco Kaskaden),
dann wieder schroffe Felsformationen, das sich mit
sattem Grün abwechselt, auf dem Rinder und Schafe
dösen. Rechtzeitig vor der Dämmerung schaffe
ich es noch, mir auf der Quetrihué Halbinsel
den angeblich größten Myrten-Wald der Welt
zu sehen – ein Farbenspiel aus orangen Blüten
und hellvioletten Früchten. Am nächsten Tag
entscheide ich spontan, ein Stück des Weges zurückzufahren
und lieber auf der Ruta 65 und 40 nach Bariloche zu
gelangen. Dauert eindeutig länger, ist aber auch
um Längen spektakulärer. San Carlos de Bariloche
gilt als, so lassen es die Einwohner gern verlauten,
das Chamonix Argentiniens. Wichtigster Wintersportort
und Epizentrum handgemachter Schokolade. Jetzt im Hochsommer
... es gibt wichtigeres. Zum Beispiel ein paar Nächte
im Penon del Lago mit Massagen, Surfen, Wandern und
Biken – genau das richtige Kontrastprogramm,
bevor es zurück in die Hauptstadt geht.
Buenos Aires. Wer ist sie, diese Kapitale am Rio de
la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner, den porteños?
Biegt man in die Avenida de Julio ein – ein Prachtboulevard
etwas schmaler als die Elbmündung, in deren Mitte
der über 70 Meter hohe Obelisk über den Dingen
steht – wird schnell klar, man hat Grandioses
vor sich. Die Stadteile, die barrios, sie sind seit
jeher kleine Enklaven früherer Einwandererströme.
Jeder behauptet seinen Platz, der Franzose im mondänen
Recoleta, die Deutschen im biederen Belgrano, die Italiener
bevorzugen das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere
Palermo, die Engländer Teile vom Barrio Norte.
Die Chinesen halten, so scheint es, jeden der kleineren
Supermärkte besetzt. Und in den Tiefausläufern
des 4000 Quadratkilometer großen Molochs – das
Saarland ist etwas kleiner – mischt sich dann
alles.
Bei so viel Größe merkt man schnell: Buenos
Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken,
was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen
Ayre (Unsere heilige Jungfrau der guten Luft) seit
seiner Gründung 1536 ist – la gran aldea,
das große Dorf. Das Dorf im Dorf sozusagen – der
sonntägliche Flohmarkt auf dem Plaza Dorrego in
San Telmo. Die Avenida Domingo wird gesperrt und ein
fröhliches Durcheinander an Tango-Aposteln, Gauklern,
Pantomimen, Antiquitätenjäger, Marktschreiern
und einfach nur Neugierigen wie mich reibt sich bei
tropischen Temperaturen auf engstem Raume aneinander.
Ich sah nach wenigen Minuten aus, wie geduscht, der
gelfrisierte Geck im schwärzesten aller Anzüge,
der seine rassigen Partnerin auf eine Sohle Tango über
das heiße Parkett schob, hingegen, wie frisch
aus dem Kühlschrank. Die müssen hier einen
anderen Stoffwechsel haben. Zur Abkühlung suche
ich eine der ältesten und legendärsten Gaststätten
der Stadt auf: Das Café Tortoni, hier nahmen
schon Borges und andere literarischen Größen
des Landes Platz. Allabendlich wird eine Tango-Show
inszeniert, eine in schwül-erotisches Licht getauchte
Interpretation der argentinischen Geschichte, in denen
Gauchos und laszive Bardamen mit Federboa und Netzstrümpfen
zu den Klängen Carlos Gardel wiedererweckt werden.
Andere Hot Spots? Ein Besuch im aufgefrischten Hafenviertel
Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern lohnt.
Doch Buenos Aires entfaltet seine wahren Geheimnisse
eigentlich immer erst abseits der touristischen Trampelpfade.
In den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten Gassen,
von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat.
Oder in den wunderschönen Parkanlagen, die sich
als ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes
Biotop entlang der Stadteile Recoleta über Palermo
bis nach Belgrano schlängeln. Oder im MALBA – dem
Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires, ein
Museum mit bedeutenden, zeitgenössischen Werken
und darüber hinaus noch mit einer überaus
interessanten Architektur. Oder im Nino Bien, einem
Tanzsaal mit dem Charme einer ländlichen Kleinkunstbühne,
in der immer Donnerstag Milonga ist, jene unprätentiösen,
dennoch aber nach striktem Muster und Regeln ablaufenden
Tangoveranstaltungen Oder ...
Oder Las Canitas. Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit?
An diesen Typ Mitschüler, leicht pickelig, verträumt
ins Nichts blickend und um eine Antwort stets verlegen?
So ähnlich geht es Las Canitas. Als Stadtteil
fällt er zwischen seinen großen Brüdern
Palermo und Belgrano kaum auf, seinen Charme entfaltet
er durch die besondere Trägheit seines Seins.
In Las Canitas geht viel, doch alles eher langsam,
hier feiert man nicht sich selbst, sondern die Zeit,
die man füreinander hat. Im Café Imprenta
bestelle ich einen Café con Leche, serviert
bekomme ich ein Gespräch über das Hier & Jetzt,
dem ich Dank gebrochener Spanischkenntnisse kaum folgen
kann, eine Tasse zornigsten Espresso, einen Zuber mit
aufgeschäumter Milch, ein Glas Wasser und einen
Teller mit Gebäck. Im Campobravo, einer angesagten
Parilla, jenen typischen, kleinen Grillrestaurants,
in denen ohne viel Federlesen Berge von Fleisch ihren
Weg in den Gast finden, begrüßt man mich
schon nach dem zweiten Mal, wie einen verloren geglaubten
Sohn. Erhalte ich nicht innerhalb von Minuten meinen
Tisch, gibt es mindestens zwei Gläser Sekt und
einen kleinen Snack, an dem ich mich festhalten kann.
Später am Abend wird es voll. Nachts noch voller.
Jeden Tag. Was denn das Geheimnis sei, frage ich Gabriel,
den Manager. Er lächelt. Bueno onda, sagt er.
Gute Vibes.
Buenos Aires schlaucht, was fehlt ist ein Tag am Meer.
Oder zwei. Überlandbusse, dessen Bequemlichkeit
noch die der Lufthansa Business Class übertreffen,
lassen die vier Stunden zur Küste schnell vorbei
gehen. Wenn Punta del Este das Sylt Südamerikas
ist, dann muss Cariló Amrum sein. Ruhiger, unaufdringlicher,
gelassener, so präsentiert sich Argentiniens mondänster
Badeort. Seinen Namen „Grüne Dünen“ trägt
Cariló stolz und zu Recht. Experimentierfreudige
Botaniker pflanzten einen Mix aus Eukalyptus, Akazien,
Trauerweiden und Kiefern in den weißen Sand,
eine Blockhausarchitektur, die an Skiorte in Colorado
erinnert, rundet das Ganze architektonisch ab. Träge
fläze ich mich in den Liegestuhl, der wieselflink
für mich aufgebaut wurde. Von vorn pfeift der
Wind, hinter mir fällt die Sonne in die Düne. „Otro
Trago?“ Noch einen Drink ... ?
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