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"Viva Argentina" (Freundin 2006)
Gewaltige Gletscher, verzauberte Seen, endlose Weiten und die faszinierende Metropole Buenos Aires – ein Trip durch das Land, das den Tango erfand.
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Es liegt ein Rumoren in der glasklaren Luft. Als hätte ein riesiges Fabelwesen Magenknurren. Ich starre dorthin, wo schon seit Minuten alle Ferngläserträger hinstarren. Der See, er liegt ganz ruhig, das Ausflugsboot, es hält einen respektvollen Abstand. Trotzdem, die über 70 Meter hohe Küste aus Eis, sie scheint zum Greifen nah. Da. Ein Zischen. Die Spannung unter den Zuschauern löst sich zeitgleich mit einer Eiskante von der Größe eines mehrstöckigen Wohnblocks. Unter donnerndem Grollen kalbt der eisige Gigant, gewaltige Brocken der bizarren Eisformationen plumpsen in den Lago Argentino.

Nicht der Berg, sondern der Gletscher rief. Perito Moreno heißt er, liegt unweit der Stadt Calafate im patagonischen Niemandsland. Einer, der sich gleich mit zwei Auszeichnungen schmückt: Weltkulturerbe und einziger „lebender“ Gletscher – er wächst pro Jahr um 2 Meter. 30 Kilometer lang, bis zu 4 Kilometer breit wächst er heraus aus dem Gebirgsmassiv der Anden, wie eine lange, silbrige Ader. Zumindest aus der Ferne. Ganz nah und das Silber weicht einem blau-grünen Farbenspiel, das erstaunlicherweise dann am intensivsten leuchtet, wenn sich der Himmel zugeknöpft und regnerisch gibt. Heute ist so ein Tag. Ich würde mich gern einer Gruppe Wagemutiger anschließen, die sich anschickt zu Fuß und per Steigeisen im Inneren des Kolosses zu verschwinden. Hätte ich die richtige Tour gebucht ... . Macht nichts, denn meine führt mich am folgenden Tag an einen anderen Ort im faszinierenden Nationalpark Los Glaciares. Per Bus geht es von Calafate ins 50 Kilometer entfernte Punta Bandera, dort legt eine schicke Barkasse zu einer knapp zweistündigen Fahrt Richtung Onelli Halbinsel ab. Über uns kreisen Kondore, während wir immer wieder riesigen Eiswürfeln ausweichen, die wie stumme Vorwürfe in unserer Passage treiben. Aus den Bordlautsprechern tönt leise Geigenmusik, ob sich deshalb bei mir kurz leichte Titanic-Stimmung breitmachte? Doch keine Angst, schließlich macht der Bootsführer diese Reise täglich. Und auch diese hat ein Happy End. Für ein paar Stunden setzt man uns ab. Wir wandern durch Gehölz, neugierig gemustert von einem Kommando ausgewildeter Rinder, die wie Bergziegen über die steilen Hänge sprinten. Immer spärlicher wird der Baumbestand, bis wir einen Punkt erreichen, der ein unglaubliches Panorama spendiert. Aus dem Wald heraus bleibt der Blick an drei Gletscher gleichzeitig hängen, die gemeinsam in einen See zu fallen scheinen. Ein beklemmender, gleichsam magischer Ort.

Patagonien, das ist wie ein Planet. Bizarr, rau, schroff, fast abweisend. Aber nur auf den ersten Blick. Planet Patagonien, der ist dort, wo viel Wind und wenig Menschen zu Hause sind. Größer als Frankreich, weniger Einwohner als Hamburg. Dort wo sich Steinwüsten und Savannen abwechseln, wo in der frischen Luft stets ein Hauch von Abenteuer zu spüren ist – die legendären Banditen Butch Cassidy und Sundance Kid, so geht die Mär, ritten bis in das Kaff Rio Gallegos, um eine Bank auszurauben – wo wilde Pferde die wenigen Pisten kreuzen und wo der Frack die bevorzugte Bekleidung ist … 2 Millionen Pinguine auf der Peninsula Valdes können nicht irren. Die Gletscher liegen schon fast am südlichen Ausgang – danach kommt das Ende der Welt namens Feuerland – am nördlichen Eingang öffnet San Martin de los Andes das Tor Patagoniens. Hier beginnt der Nationalpark der Sieben Seen, hier beginnt der wunderschöne Camino de los Siete Lagos, eine knapp 185 Kilometer lange, nur in Teilen asphaltierte Strecke, die in Bariloche endet. Mit dem Auto keine 4 Stunden, wenn ... ja, wenn man es eilig hat. Doch wer kurz hinter San Martin auf die ersten Serpentinen stößt, in der Ferne funkelt die schneebedeckte Mütze des Vulkans Lanin, rechter Hand grüßt einige Stockwerke tiefer im tiefsten Blau der See Lacár und reflektiert das gleißende Sonnenlicht zurück in den ohnehin schon azurblauen Himmel, der fährt erst einmal zum nächsten Aussichtspunkt. Genießt. Und denkt, dass an dem platten Spruch „Der Weg ist das Ziel“ doch etwas dran sein muss. Für mein erstes Ziel braucht es nicht einmal ein Auto, Quila Quina ist innerhalb von 3o Minuten von San Martin per Boot aus zu erreichen. Für die meisten ist das Mapuche Reservat (patagonische Ureinwohner) nur ein Zwischenstopp auf dem Weg tiefer in den Nationalpark, andere steigen hier zum Baden und Spazierengehen aus. Ich vertrödele in der Mittagshitze im beliebten weil einzigen Café am Anleger gleich so viel Zeit bei köstlichen frambuesa licuados (das sind Milchshakes aus Waldhimbeeren), dass ich anschließend erst auf dem kieseligen Felsstrand einschlafe und mich anschließend zur Wiederbelebung in den eiskalten Gebirgssee abkommandiere. Strafe muss sein. Am nächsten Tag mache ich mich dann wirklich auf den Weg, genauer auf die Ruta 234, Etappenziel ist auf halber Strecke das winzige Villa Angostura, eine 3000 Seelen Gemeinde, ebenfalls gelegen, wie könnte es anders sein, an einem See. Die Fahrt dahin dauert ewig, nicht weil dichter Verkehr herrscht – bis auf ein paar Bauarbeiter, die an einer Verbesserung der Straßenverhältnisse puzzeln, ist kaum jemand unterwegs, sondern weil man einfach jedes Mal anhalten muss, sobald sich der Wald lichtet und die Sicht freigibt auf eine atemberaubende Kulisse, wie man sie sonst nur aus amerikanischen Western kennt. Wasserfälle (die Vulignanco Kaskaden), dann wieder schroffe Felsformationen, das sich mit sattem Grün abwechselt, auf dem Rinder und Schafe dösen. Rechtzeitig vor der Dämmerung schaffe ich es noch, mir auf der Quetrihué Halbinsel den angeblich größten Myrten-Wald der Welt zu sehen – ein Farbenspiel aus orangen Blüten und hellvioletten Früchten. Am nächsten Tag entscheide ich spontan, ein Stück des Weges zurückzufahren und lieber auf der Ruta 65 und 40 nach Bariloche zu gelangen. Dauert eindeutig länger, ist aber auch um Längen spektakulärer. San Carlos de Bariloche gilt als, so lassen es die Einwohner gern verlauten, das Chamonix Argentiniens. Wichtigster Wintersportort und Epizentrum handgemachter Schokolade. Jetzt im Hochsommer ... es gibt wichtigeres. Zum Beispiel ein paar Nächte im Penon del Lago mit Massagen, Surfen, Wandern und Biken – genau das richtige Kontrastprogramm, bevor es zurück in die Hauptstadt geht.

Buenos Aires. Wer ist sie, diese Kapitale am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner, den porteños? Biegt man in die Avenida de Julio ein – ein Prachtboulevard etwas schmaler als die Elbmündung, in deren Mitte der über 70 Meter hohe Obelisk über den Dingen steht – wird schnell klar, man hat Grandioses vor sich. Die Stadteile, die barrios, sie sind seit jeher kleine Enklaven früherer Einwandererströme. Jeder behauptet seinen Platz, der Franzose im mondänen Recoleta, die Deutschen im biederen Belgrano, die Italiener bevorzugen das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere Palermo, die Engländer Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt. Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer großen Molochs – das Saarland ist etwas kleiner – mischt sich dann alles.

Bei so viel Größe merkt man schnell: Buenos Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken, was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen Ayre (Unsere heilige Jungfrau der guten Luft) seit seiner Gründung 1536 ist – la gran aldea, das große Dorf. Das Dorf im Dorf sozusagen – der sonntägliche Flohmarkt auf dem Plaza Dorrego in San Telmo. Die Avenida Domingo wird gesperrt und ein fröhliches Durcheinander an Tango-Aposteln, Gauklern, Pantomimen, Antiquitätenjäger, Marktschreiern und einfach nur Neugierigen wie mich reibt sich bei tropischen Temperaturen auf engstem Raume aneinander. Ich sah nach wenigen Minuten aus, wie geduscht, der gelfrisierte Geck im schwärzesten aller Anzüge, der seine rassigen Partnerin auf eine Sohle Tango über das heiße Parkett schob, hingegen, wie frisch aus dem Kühlschrank. Die müssen hier einen anderen Stoffwechsel haben. Zur Abkühlung suche ich eine der ältesten und legendärsten Gaststätten der Stadt auf: Das Café Tortoni, hier nahmen schon Borges und andere literarischen Größen des Landes Platz. Allabendlich wird eine Tango-Show inszeniert, eine in schwül-erotisches Licht getauchte Interpretation der argentinischen Geschichte, in denen Gauchos und laszive Bardamen mit Federboa und Netzstrümpfen zu den Klängen Carlos Gardel wiedererweckt werden. Andere Hot Spots? Ein Besuch im aufgefrischten Hafenviertel Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern lohnt. Doch Buenos Aires entfaltet seine wahren Geheimnisse eigentlich immer erst abseits der touristischen Trampelpfade. In den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten Gassen, von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat. Oder in den wunderschönen Parkanlagen, die sich als ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes Biotop entlang der Stadteile Recoleta über Palermo bis nach Belgrano schlängeln. Oder im MALBA – dem Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires, ein Museum mit bedeutenden, zeitgenössischen Werken und darüber hinaus noch mit einer überaus interessanten Architektur. Oder im Nino Bien, einem Tanzsaal mit dem Charme einer ländlichen Kleinkunstbühne, in der immer Donnerstag Milonga ist, jene unprätentiösen, dennoch aber nach striktem Muster und Regeln ablaufenden Tangoveranstaltungen Oder ...

Oder Las Canitas. Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit? An diesen Typ Mitschüler, leicht pickelig, verträumt ins Nichts blickend und um eine Antwort stets verlegen? So ähnlich geht es Las Canitas. Als Stadtteil fällt er zwischen seinen großen Brüdern Palermo und Belgrano kaum auf, seinen Charme entfaltet er durch die besondere Trägheit seines Seins. In Las Canitas geht viel, doch alles eher langsam, hier feiert man nicht sich selbst, sondern die Zeit, die man füreinander hat. Im Café Imprenta bestelle ich einen Café con Leche, serviert bekomme ich ein Gespräch über das Hier & Jetzt, dem ich Dank gebrochener Spanischkenntnisse kaum folgen kann, eine Tasse zornigsten Espresso, einen Zuber mit aufgeschäumter Milch, ein Glas Wasser und einen Teller mit Gebäck. Im Campobravo, einer angesagten Parilla, jenen typischen, kleinen Grillrestaurants, in denen ohne viel Federlesen Berge von Fleisch ihren Weg in den Gast finden, begrüßt man mich schon nach dem zweiten Mal, wie einen verloren geglaubten Sohn. Erhalte ich nicht innerhalb von Minuten meinen Tisch, gibt es mindestens zwei Gläser Sekt und einen kleinen Snack, an dem ich mich festhalten kann. Später am Abend wird es voll. Nachts noch voller. Jeden Tag. Was denn das Geheimnis sei, frage ich Gabriel, den Manager. Er lächelt. Bueno onda, sagt er. Gute Vibes.

Buenos Aires schlaucht, was fehlt ist ein Tag am Meer. Oder zwei. Überlandbusse, dessen Bequemlichkeit noch die der Lufthansa Business Class übertreffen, lassen die vier Stunden zur Küste schnell vorbei gehen. Wenn Punta del Este das Sylt Südamerikas ist, dann muss Cariló Amrum sein. Ruhiger, unaufdringlicher, gelassener, so präsentiert sich Argentiniens mondänster Badeort. Seinen Namen „Grüne Dünen“ trägt Cariló stolz und zu Recht. Experimentierfreudige Botaniker pflanzten einen Mix aus Eukalyptus, Akazien, Trauerweiden und Kiefern in den weißen Sand, eine Blockhausarchitektur, die an Skiorte in Colorado erinnert, rundet das Ganze architektonisch ab. Träge fläze ich mich in den Liegestuhl, der wieselflink für mich aufgebaut wurde. Von vorn pfeift der Wind, hinter mir fällt die Sonne in die Düne. „Otro Trago?“ Noch einen Drink ... ?