mit fotos
mit fotos
Reise "Havanna libre ohne Castro" (WamS)
Die Exil-Kubaner van Miami kennen derzeit nur ein Thema: den Fall des Flüchtlingsjungen Elián. Nie war das Latino-Viertel so aufregend.
mit fotos
 

Ist wirklich alles nur erfunden? Miamis jüngste Touristenattraktion eine Inszenierung des örtlichen Fremdenverkehrsbüro? Mit solchen Mutmaßungen kokettierte unlängst ein bekannter Kolumnist. Tags darauf ging ein ganzer Stadtteil auf die Palme. Viel braucht es nicht dieser Tage, um die exilkubanische Volksseele zum Sieden zu bringen. Schließlich stehen bei der "Operation" Elian Gonzalez nationale Interessen auf dem Spiel – hier in Little Havana genauso wie im gut 250 Kilometer entfernten Kuba. Für den Rest der Welt ist das Tauziehen um einen Sechsjährigen eher eine Lokalposse. Sei es wie es ist, für den schnell entschlossenen Miami Urlauber bietet sich durchaus der kleine Abstecher ins Camp Elian (wahlweise auch nach Elianville oder Circus Elian fragen!) an. Zu verfehlen ist das Spektakel kaum; in Little Havana angekommen, die Augen gen Himmel richten und auf die provisorisch errichteten Sendemasten zahlloser Fernsehsender zu marschieren. Gut möglich daß man auf dem Weg dorthin schon einigen Sehenswürdigkeiten begegnet.

Little Havana, das ist eine Stadt innerhalb einer Stadt. Ein kleiner Mikrokosmos. Zehntausende Kubaner fanden nach Castros Machtübernahme hier eine neue Heimat. Zusammen mit den Neuankömmlingen aus Honduras, Nicaragua und El Salvador bilden sie das Latin Quarter. Nirgends ist dieser lateinamerikanische Einfluß deutlicher zu spüren, als an der Calle Ocho, der achten Straße. Am besten man erschließt die Hauptschlagader von La Pequena Habana zu Fuß. Und vergißt seine Englischvokabeln. Amtssprache ist hier Spanisch.

Es dauert ungefähr zwei Blocks, dann taucht man ein. In eine völlig andere Welt. Amerika mit einem Schuss Karibik Die Schritte werden langsamer, man läßt sich treiben. Vorbei an den bodegas, den kleinen Lädchen, aus denen ein Aroma aus Paella, gebratenem Fleisch und überreifen Früchten duftet. An den vielen kleinen Zigarrenläden, vor deren Türen flinke Hände die Havana made in Miami drehen. An den cafeteríras, wo in fingerhutgroßen Plastikbechern der potente café cubano ausgeschenkt wird. Es ist heiß. Überall ständig wechselnde Musik. Eben noch Salsa, schon weht an der nächsten Ecke der Wind Merenguefetzen aus einem halbgeschlossenen Frisörladen auf die Straße. Zu sehen ist jetzt niemand. Siesta ist hier zwar nicht erste Bürgerpflicht, aber durchaus kein unbekannter Begriff. Eine andere Art des Zeitvertreibs unterhalten ältere Herren im künstlichen Schatten des Domino Parks. Sie warten. Auf den Tag X. Auf das Ende vom "maximo lider". Doch Castro ist zäh. Und so verbringen sie das Warten mit Dominospielen. Und während sie warten und spielen, diskutieren sie sein Ende herbei, ziehen in Gedanken triumphierend zurück in die Heimat, die sie vor gut 40 Jahren verlassen haben. Ein Hauch bitterer Nostalgie zieht mit.

"Süßes ist gut", insistiert die freundliche Bedienung in El Brazo Fuerte, einer der besten Bäckereien am Ort und nötigt noch ein coquito auf, eine ultrasüße kokusnußlastige Nachspeise. Dazu ein Glas eisgekühlter, frisch aus Zuckerrohr gepresster guarapo. Beim Abkassieren gibt es dann noch ein paar passende Worte zur Lösung der Castro-Frage. Gratis. Politik ist immer präsent. Politik und Religion. Jede Menge botanicas, diese besondere Form des kubanisch gepflegten Einzelhandels, zeugen von einer besonderen Bibelfestigkeit. Der größte von ihnen, Santos del Mundo, am oberen Ende der Calle Ocho, beherbergt eine bizarre Sammlung religiös angehauchter Gegenstände – konfessionsübergreifend, wohlgemerkt! Vom kleinen Plastik-Buddha hin zum lebensgroßen Erzengel.

Beim Besuch im Versailles kann man durch so ein heiliges Mitbringsel mitunter neue Freunde gewinnen. Hier, in gediegener Atmosphäre, wird mit die beste kubanische Küche der Stadt zelebriert. Zu späteren Stunde kehrt auch die Gonzalez-Fraktion ein, um bei vaca frita (geröstetem Fleisch mit Zwiebeln) und einer gute Zigarre die Lage zu erörtern. Zu erwähnen, daß man die Elian-Krise für einen hervorragenden Marketing-Stunt hält, wäre allerdings kontraproduktiv.