mit fotos
Hotelcheck "Art déco, marokkanisch" (GQ 10/99)
The Hotel ist die neue Attraktion in Miami Beach. Im ehemailgen Tiffany hat Couturier Todd Oldman eine Orgie aus Formen und farben inszeniert.
mit fotos
 

"Die Menschen empfinden im allgemeinen eine große Freude an der Farbe". Todd Oldham muß Auszüge von Goethes Farbenlehre im Gepäck haben, als ihn Immobilienmogul Tony Goldman aufforderte, das Tiffany Hotel in neuem Glanze erstrahlen zu lassen. Todd Oldham? Couture-Kundige wissen Bescheid – der Mann ist Modedesigner. "Fashion meets Interior Design" – eine Symbiose, die zweieinhalb Jahre und sechs Millionen Dollar später voll aufgegangen ist. In den höchsten und buntesten Tönen.

Original Art déco Elemente wie die maritim inspirierten Fassaden, die übergroßen Bullaugenfenster, der sechzig Jahre alte Terrazzoboden im Dialog mit Oldhams Ode an die Farben. Doughnutförmige Sitzgelegenheiten in Himbeere, Apricot und Apfelgrün, senffarbene Samtvorhänge, Blumenarrangements aus Palmen und Kakteen und ein übergroßes, marokkanisch inspiriertes Spiegelmosaik – all das präsentiert sich dem Gast beim bloßen Betreten des Hotels. Und da ist noch nicht einmal der Front Desk erreicht. Auch der – ein Art déco Moment der besonderen Art: Korallgestein in formschöner Harmonie mit Mahagoni. Dahinter – fröhliche Menschen in noch fröhlicherer Arbeitskleidung. Den Angestellten hat der tapfere Oldham Hemden und Blusen im handgefärbten Batiklook auf den Leib geschneidert.

Miami Beach – das ist Sonne, Sand und Meer. Elemente, die Pate standen bei der Ausstattung der Räume und sich in vielfältigen Gelb-, Braun-, Blau- und Grüntönen wiederfinden. Weil die Mehrzahl der 52 Zimmer, mit Ausnahme der vier Suiten, eher klein sind, haben sich Oldham und seine Crew besondere Mühe gegeben, mit kleinen Designfinessen für ausreichend Platz zu sorgen. Fernseher inklusive Videorecorder, Hifi-Turm und Minibar verschwinden in einem attraktiven und gleichsam praktischen "Entertainment Center" aus hellem Ahornholz. Unterhalb des Fensters und perfekt eingepaßt zwischen Schrank und Regal – eine Fensterbank-Sofa Kombination. Abgerundet und aufgelockert wird das coole Wohngefühl durch eine Reihe einfacher, in anderen Hotels leider oft schmerzlich vermisster, Details. Da ist jegliches Licht über individuelle Dimmer regelbar. Da wird der übergroße Duschkopf von der gegenüberliegenden Wandseite justiert

Wem es bisher nicht zu bunt geworden ist, den wird das eigentliche Hotel-Highlight noch mehr begeistern. "A Gem at the Ocean" – Juwel am Meer, so verhieß es schon das Originalbriefpapier des Tiffany Hotels, als die von L. Murray Dixon entworfene Herberge 1939 ihre Pforten öffnete. Wer heute in den schmalen, smaragdschliff-förmigen Swimmingpool auf der Dachterrasse eintaucht, der weiß, daß damals nicht untertrieben wurde. Vom Becken wandert der Blick über den Strand ins azurblaue Meer. Life is good! Zum perfekten Chill-Out servieren flinke Hände an der Spire Bar einen erfrischenden, hervorragend gemixten Mohito – Rum an Minze, Zucker und Limette. Dazu bringt die unermüdliche Bedienung alles, was das hoteleigene Restaurant WISH als Roomservice zu bieten hat. Oder doch lieber á la carte? Dann findet man sich unten zum Dinner ein – entweder gleich hinter der Lobby im ebenfalls marokkanisch beeinflußten Interieur oder aber draußen im opulenten Garten. So es die Temperaturen zulassen.

Das sprichwörtliche "Breakfast at Tiffanys" – das allerdings muß ausfallen. Nicht, weil die Betreiber morgens kein Frühstück zelebrieren, sondern weil der Name verpönt ist. Nach einem Rechtsstreit mit einer berühmten Juwelierkette gleichen Namens, firmiert das Tiffany heute unter "The Hotel". Bleiben aber durfte kurioserweise das denkmalgeschützte Wahrzeichen, der Turm mit dem neonfarbigen Schriftzug "Tiffany". Fazit: "The Hotel", sehr bunt und ein wenig gediegen - Goethe hätte es gefallen.