“Get lost!“ Manchmal
hält das Angelsächsische missverständliche
Aufforderungen bereit. Meint es nun das eher
grobe “Hau ab, verschwinde!“ oder das einladende
“Gib dich hin, lass los!“. Wenn die Betreiber
von “Little Palm Island“ erstere im Sinn
hatten, als sie eine Telefonnummer mit 1-800-GET-LOST
freischalten ließen, dann wäre das arg geschäftsschädigend.
Und würde bedeuten, dass die Wenigsten je den Fuß
auf eine Insel setzen dürften, die von einer einzigartigen
und gleichwohl auf den ersten Blick etwas befremdlichen
Exotik ist. Ist das wirklich noch Amerika? “Es
ist als hätte man ein Stück Fidji in die Florida
Keys verpflanzt“, erklärt Hotelmanager Terry
Becholt dem staunenden Besucher. Terry muss man mögen,
ein jovialer, etwas ungelenker Mann, der es sich zur
persönlichen Mission gemacht hat, möglichst
jeden Gast per Handschlag zu begrüßen und
mit ihm innerhalb von Minuten auf Du und Du sein. Er
schafft das, lauert er doch oft und gern am Bootssteg,
um ja nicht zu verpassen, wenn die resorteigene elegante,
kleine Motoryacht “Escape“ wieder neue Gäste
aus Little Torch Key anlandet.
Stichwort Keys. Die sind dort, wo Amerika langsam in
die Karibik kippt. Der südliche Zipfel Floridas
ist wie eine Kette. Doch statt Perlen sind Inseln aneinandergereiht.
Und statt einer Schnur verbindet der Highway 1. Bis
die Staaten endgültig zu Ende gehen, in Key West.
Vorher, am Milemarker 28, also genau 28 Meilen vor Key
West (oder 120 Meilen entfernt von Miami) liegt besagtes
Little Torch Key, der Horchposten vom eigentlichen Resort.
In einer Herberge aus rustikalem Holz mit dem unvermeidbaren
Souvenirshop wird der Gast begrüßt, registriert
und ... klimatisiert. Denn Hitze vom Kaliber “Hoch
Michaela“ ist hier alltäglich. Alljährlich.
Alle 30 Minuten geht das Boot gen Eden, man überbrückt
sie am besten mit einem Gumby Slumber, ein Cocktail,
der Dank seiner hohen Umdrehungen die ohnehin gute Laune
noch einmal steigert.
Seit 1988 ist die Insel ... ist der mit glasklarem
Wasser umspülte Palmen- und Orchideengarten –
die knappen 2 Hektar sind kaum größer als
der Hamburger Rathausmarkt – Spielwiese für
ein hauptsächlich amerikanisches Klientel. Mehr
als 60 können es kaum auf einmal sein, denn sonst
wird es selbst in den großzügig ausgelegten
14 thatched roof Villas mit jeweils 2 Suiten eng. Der
Stil? British Colonial meets Polynesien. Viel Rattan,
viel Bambus trifft auf fast klobig anmutende Sitz- und
Liegemöbel aus massivem Teak über denen gewaltige
Ventilatoren mit langen Holzarmen träge ihre Runden
drehen. Fernseher? Fehlanzeige. Telefone sucht man genauso
vergeblich, wie eine schlecht designte Musikbox. Genauso
wie lärmende Jet Skis und Kinder unter 16. Die
Insel ist nicht nur eine Oase der Abgeschiedenheit,
sondern vor allen Dinge der Ruhe. Und so machen alle
das Gleiche. Sie ruhen. Entweder in einer der alle paar
Meter drapierten Hängematten. Oder in den im Überfluss
stationierten, urgemütlichen Holzlounges. Am Pool.
Am kleinen Sandstrand. Im Zen-Garden. Der ist Teil eines
indonesisch inspirierten, kleinen aber sehr feinen Spa-Bereichs.
Die hier zelebrierten “Javanese Lulur Royal Treatment
- eine Veranstaltung inklusive Jogurt-Massage, Jasmin-Öl
Cremung und Lulur-Exfoliation – und die “Bali
Spice Body Mask“ verliehen Little Palm zahlreiche
Meriten. Zum Beispiel Platz 3 in der Top Ten der besten
Hotel & Spas im Lande (Travel & Leisure).
Was aber macht der Kunde, der seine gesamte Urlaubslektüre
geschmökert hat, gesund geknetet wurde, die erstklassige
Küche rauf- und runter gegessen hat und auch keinen
Gumby Slumber mehr sehen mag? Er erkundet! Er verlässt
die Insel. So wie er gekommen ist, übers Wasser.
Er schnappt sich ein Kajak, eine kleine Jolle oder ein
Surfbrett. Er greift zur Angel und marschiert, nach
fast 100 Metern geht ihm das Meer immer noch kaum bis
zur Hüfte. Oder aber er ruft nach einem Boston
Whaler, ein 25 PS schwaches, aber äußerst
wendiges Motorboot. Kurze Einweisung, Proviant-, Schorchel-
und Walkie-Talkieübernahme, los geht’s. Ganz
allein. Der Nase, der Bojen oder der Karte nach. Nur
wenige Meilen liegt das Looe Key Reservat, das letzte
noch atmende Korallenriff der USA. Paradiesisch.
Doch im Paradies tropft auch Wehrmut. Einmal, weil
man nicht wieder abreisen will. Zum anderen aber, weil
man muss, denn Preise ab 700 U.S. Dollar pro Nacht strapazieren
auf Dauer auch besser gepolsterte Reisekassen. Kritik
an der Preispolitik werden die Macher von Palm Island
geschickt zu kontern wissen: Get Lost!
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