Was in La Nacion steht, ist
wichtig! La Nacion ist nicht die größte Tageszeitung
Argentiniens, aber die mit dem größten
Renommee. Argentinischer Wein ist wichtig, sein Wert
im Steigflug, seit Europäer die Rebensäfte
aus den berühmten Bodegas der Nortons, der Torinos
oder der Fichmans entdecken. Im Mai entdeckte man in
La Nacion einen Artikel, keinen wirklich langen, über
Wein, genauer, über 10.000 Flaschen Rotwein, die
wohl auf dem Weg nach Europa falsch abbogen. Man fand
sie im Lager einer Weinhandlung in Munro, einem Vorort
von Buenos Aires – in ihnen fand man 200 Kilo
Kokain und das konnte selbst mit den lockersten Reinheitsgeboten
für Traubenerzeugnisse nicht harmonieren.
Ob man ein Porträt von oder zu Buenos Aires auch
anders beginnen kann? Sicher. So wie viele, die bei
diesem Thema sofort einer Depression anheim fallen,
die unbeirrt dem Duktus von Trübsinn und Verzweiflung
gehorchend über die Tristesse der Bevölkerung
und über tote (Evita, Che) und halbtote (Maradona)
Ikonen referieren, für die „Schwermut über
der Stadt wie ein Gewitter liegt“, die immer wieder
die dichterische Allzweckwaffe Borges bemühen,
die der Kapitale stets aufs Neue das Prädikat „Paris
Südamerikas“ umhängen, die Sätze
bilden wie „Buenos Aires ist die Fortsetzung der
Pampa mit anderen Mitteln“ - schön gesagt,
doch was heißt das? Wer ist sie, diese Kapitale
am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner,
den porteños? Tatsächlich eine Urbanisation
riesigen Ausmaßes, die den Blues hat, nur weil
allerorten – nur eben nicht in der Stadt selbst
– behauptet wird, aus ihr heraus sei beständig
Tango zu vernehmen, jener „traurige Gedanke, den
man tanzen kann“? Mitnichten!
Zugegeben, auch ich hätte mich vielleicht auf den
Trampelpfad der Klischees begeben, wenn ich nicht ein
paar Wochen später einen weiteren Artikel in La
Nacion entdeckt hätte. Die Drahtzieher des geplatzten
Koksdeals waren gefasst, acht Ausländer, darunter
2 Briten, Jugoslawen, sowie drei Einheimische. Einen
von ihnen hatte ich unlängst kennen gelernt. Ihm
gehörte eine Bar ganz in der Nähe von Las
Canitas, dem Stadtteil, in dem ich wohne. Nein, ihm
gehörte die Bar. Und Bar ist auch nicht ganz richtig,
eher ein Amüsiertempel von für lokale Verhältnisse
unerhört großer Dimension. Hohe Räume,
ausufernde Sofas, raffiniert illuminiert, dezent beschallt,
alles von erlesenem Geschmack. Alles sündhaft teuer.
Der WC-Bereich optimiert für den Durchzug vieler
schöner Menschen und vieler weißer Linien.
Ja, und diese Bar und ihre Besitzer – es gibt
noch einen Partner – mit dem hätte die Geschichte
eigentlich beginnen müssen. Ist doch die Bar Dorrego
das Symbol für etwas, dass hier seit mehr als einem
Jahr stattfindet: Die wirtschaftliche Renaissance nach
der großen Krise vom Frühjahr 2002 –
frisiert, wie sich hier zeigen sollte, mit nicht ganz
koscheren Mitteln, also auch denen der Geldwäsche.
Für die Bar Dorrego hat es sich zunächst ausgewaschen,
die Bar bleibt geschlossen.
Auf und zu, doch mehr noch: Rauf und Runter. Vielleicht
ist das (kriminelle) Schicksal der Bar auch ein wenig
Metapher für die lebensläufige Achterbahn,
in der sich die Menschen zyklisch ihr kollektives Schleuder
– lies: Seelentrauma abholen - Verdruss, fremdbestimmt,
so die gemeine Wahrnehmung, doch im Eigentlichen hausgemacht.
Der porteño (nicht zu verwechseln mit dem portero,
das ist der Hausmeister) er sehnt, nach diesem und jenem
von einst, denn da war es besser und er hadert. Mit
bestechlichen Politikern, mit der argentinischen Nationalelf,
mit dem internationalen Währungsfond. Und anschließend
mit sich selbst. Dann trinkt der Mann (und die Frau)
von der Straße seinen mate, melancholisiert, nostalgisiert
... que va`cer ... was kann man schon tun ... und seine
Stimmung oszilliert irgendwo zwischen Euphorie und Weltuntergang
– doch wirklich depressiv, sozusagen Tango-depressiv
ist niemand. Auch nicht die Besserverdienenden, die
wie beseelt die Couches der Therapeuten bevölkern.
Kein Ort der Welt, außer vielleicht Woody Allens
New York, weist eine so lückenlose Deckung an Seelenklempnern
aus, hier wird tatsächlich Deutsch gelernt, um
Freud auch im Original nicht zu verstehen. Besserverdienen?
Das tun immer weniger, der jüngste Kollaps im Anschluss
an die korrupten Menem-Jahre, der Währungsverfall
und die Bankenkrise haben die Dollar-Sparguthaben ausradiert.
Und die Mittelschicht, denen diese Konten gehörten,
gleich mit.
Ein Dilemma für die Einheimischen, ein Segen für
die Einreisenden. Buenos Aires gibt es seit fast zwei
Jahren im Sonderschlussverkauf, alles muss weg, alles
mit 70 Prozent Rabatt. Doch Buenos Aires steht nicht
wie eine billige, abgetakelte Hure am Straßenrand,
es biedert sich nicht an und will auch nicht genommen
werden. Buenos Aires kann man nicht finden, doch man
kann etwas entdecken, was Puerto de Nuestra Senora de
Santa Maria del Buen Ayre seit seiner Gründung
1536 ist – la aldea, das große Dorf. Eine
Siedlung, die nie wirklich erwachsen wurde, in der aber
in den letzten 468 Jahren – die Umkehrung des
deutschen Einheits-Klischees mag man mir verzeihen -
zusammenwuchs, was eigentlich nicht zusammengehört.
Wenn morgens im vornehmen Recoleta die paseadores (Hundeführer)
eine eklektische Schar hochgezüchteter - im wahrsten
Sinne des Wortes, kleingewachsene paseadores erkennt
man meist nur daran, dass sie die einzigen sind, die
nicht bellen - Vierbeiner in die zahlreichen Parks geleiten,
dann ist doch das angeleinte Nebeneinander von Huskies,
Dobermänner und Schäferhunden eigentlich die
Anleitung zum gefundenen Fressen. Und gefressen werden.
Doch nichts der Gleichen. Stattdessen eine Metapher:
Was der Köter schafft, bekommt auch die zweibeinige
Spezies prima geregelt. Blickt doch der porteño
auf jüdische und arabische Wurzeln, rühmt
er sich einer italienischen, französischen oder
deutschen Herkunft, glaubt er griechisch-orthodox, moslemisch
oder katholisch – hier koexistiert alles und jedes
fern von rassischen oder religiösen Ressentiments.
Sicher, fast jeder hat im Laufe der Jahre seinen Stadteil,
sein barrio, behauptet. Der Franzose das mondäne
Recoleta, die Deutschen das biedere Belgrano, die Italiener
das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere Palermo,
die Engländer Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen
halten, so scheint es, jeden der kleineren Supermärkte
besetzt. Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer
großen Molochs – das Saarland ist etwas
kleiner – mischt sich dann alles.
Wenn es also nicht der Tango ist, der die Menschen bewegt
– die Wenigsten können sich wirklich zu ihm
bewegen – was dann? Politik, Fußball, Steaks
und die chicas. Und der Verkehr an sich. Eine Armada
altgedienter Peugeot 504, am Steuer taxistas, Taxifahrer,
deren Bleifüsse vom Gen Fangios gesteuert werden,
colectivos, chromblitzende Busse, in Wirklichkeit jedoch
schnaubende, gedopte Stiere mit Motoren auf der Jagd
nach Zeit und Fußgänger. Der gemeine Passant,
er ist der Furunkel des Verkehrs, kratzen hilft nicht,
man wird ihn nicht wirklich los. Die Straßen?
Boulevards ungleich schmaler als die Elbmündung,
in deren Fahrwasser auf zehn ausgewiesenen Fahrbahnen
mindestens 16 Fahrzeuge versuchen, ohne Feindberührung
aneinander vorbeizufliessen. Dennoch, wer wirklich etwas
entdecken will, der geht zu Fuß. Und beeilt sich,
sowohl beim Kreuzzug über die Kreuzung wie auch
damit, auf verkehrsberuhigtere Zonen auszuweichen.
Zum Beispiel in die wunderschönen Parkanlagen,
die sich als ein träges, mal alleingelassenes,
mal gepflegtes Biotop entlang der Stadteile Recoleta
über Palermo bis nach Belgrano schlängeln.
Man teilt die Wege mit wettergegerbten und bis in die
Haarspitzen gelifteten Damen aus teurerem Hause, die
sich, zur Linken ihren Personal Trainer und zur Rechten
ihren Ernährungsberater, spazieren führen.
Der Körperkult führt in der Upper Class ein
rigides Regiment. Wer kann, der läuft natürlich
zur Form auf, wer nicht will, der lässt nachhelfen.
Die Schönheitschirurgie wartet mit erhobenem Skalpell
und floriert ähnlich, wie das Therapeutentum. Frisöre
sind ein Phänomen, sie zersiedeln mancherorts ganze
Stadteile, in Las Canitas beispielsweise müssen
auf jede Bewohnerin drei Salons kommen, in denen sich
die Frauen in den Tag hinein maniküren, pediküren
und frisieren lassen. Überhaupt, die porteña,
das unbekannte Wesen? Besser: Das geheimnisvoll-laszive
aber auch kühl-berechnende. Erhobenen Hauptes,
dezent, aber edel gekleidet – hier huldigt das
Kleid die Form - geht sie stolz ihres Weges, scheinbar
versunken in ihrer eigenen Welt, unempfänglich
für Störfeuer von außen. Scheinbar.
Denn sehr wohl registriert sie die wohlwollenden Blicke,
die ihren Gang verfolgen. Anders als zum Beispiel in
Rio aber ist das Rollenspiel der Geschlechter hier viel
subtiler, regiert hier eine Art gespielte Zurückhaltung.
Sex mit angezogener Handbremse. Erst des Nächtens,
im Pulk ihrer Freundinnen taut sie auf, weicht die Pose
der Natürlichkeit, wird sie kecker und flirtet
aus der sicheren Halbdistanz. Die Nacht. Eigentlich
dreht sich in Buenos Aires alles darum, wie man aus
dem Tagsüber am schnellsten in die Nacht kommt.
Der Verkehr erlahmt, es wird stiller, über die
Stadt legt sich ein Mantel vibrierender Unruhe. Wie
scheue Rennpferde stehen die Menschen, gestriegelt und
gebügelt, in der Box. Was wird das Rennen, was
wird die Nacht bringen? Ab 22.00h beginnen die Restaurants,
sich zu füllen. An jeder dritten Straßenecke
kapert leicht süßlicher Bratengeruch die
unmittelbare Umgebung, es ist das Parfum, nach dem portensische
Essenträume duften. Es ist Zeit für asado,
ein dem deutschen Grillen oder dem amerikanischem Bar-B-Que
ähnlicher Fleischverzehr, zelebriert in den zahllosen
parillas, den kleinen Grillrestaurants, in denen ohne
viel Federlesen Berge von Steaks ihren Weg in den Gast
finden. Der porteño hat ein sehr dezidiertes
Verhältnis zum Fleisch. Er liebt es in rauen Mengen
und er liebt es ... schlicht. Er zelebriert es nicht,
jedenfalls nicht in seinen Restaurants, es kommt sonderbar
schmucklos daher. In Zivil. Aber stolz. Kaum ein Gewürz,
keine Marinade inkommodiert sein Äußeres,
keine unnötige Beilage beleidigt seinen Auftritt
- es sei denn man bestellt sie ausdrücklich. Die
Liebe ist übrigens geschlechterübergreifend,
an keinem anderen Ort wird man so viele zierliche, figurbewußte
Frauen finden, die sich mit Inbrunst stundenlang einer
asado criolla (Schlachtplatte) widmen. Am Wochenende
gern auch noch gegen 2.00 Uhr morgens. Danach tanzt
sich die jüngere Generation die Kalorien wieder
vom Leib, die ganz alte fällt matt ins Bett. Auch
die, die sich weder für zu jung noch zu alt hält
– nur eben nicht ins eigene. Zur Zeit sind nämlich
die albergues transitorios beliebter Hort der Gastlichkeit.
Die telos, wie sie verniedlichend getauft wurden, lassen
sich wenig sexy übersetzen: Es sind Stundenhotels.
Bezahlte Liebesnester. Multifunktional in ihrer Verwendung,
erzkonservativen Familienväter, die ungezwungen
ihre Mätressen beschiafen wollten, suchten genauso
nach dieser typischen roten Laterne an der Wand eines
unscheinbaren Gebäudes mit abgedunkelten Fenstern
und diskretem Entree, wie deren Söhne und Töchter,
die prüdem Katholizismus zum Trotz, ihren ersten
Sex nicht im eigenen Bett, sondern in temporären
Laken abhandelten. Heute kommt nun auch ein Klientel
mit bereits gesellschaftlich akzeptabler Bettgeschichte.
Aus Neugier. Telo ist Kult. Telo reicht von leicht ranzig
mit Plastikbezug bis hin zu edel mit Whirlpool und feiner
Pornoauswahl – das Ganze ab 10 Peso für drei
Stunden. Am nächsten Tag im Freundeskreis werden
dann die Eindrücke sortiert.
Stundenhotels sind heiß begehrt und leicht zu
finden. Wo sind nun andere Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische
Antwort: Überall. Und meistens dort, wo sie nicht
ausgewiesen sind. Deshalb: Niemals sich dem Diktat wohlmeinender
Stadtführer beugen – auch nicht diesem. Man
fängt am besten irgendwo an, denn Buenos Aires
ist sowieso nirgends. Schon gar nicht dort wo die „gute
Luft“ einst anfing, in La Boca, damals, als die
italienischen Einwanderer dort landeten und auch dort
blieben, als die besser Situierten im Anschluss an das
große Gelbfieber von 18?? in Richtung Norden mäanderten.
Heute zieht aus einem längst verstorbenen Seitenarm
des Rio de la Plata beißender Gestank durch die
schmalen Gassen von La Boca. Und sonst nichts! Der berühmte
carminito? Viel bemühtes Postkartenmotiv und in
Wahrheit nicht mehr als ein paar bunt getünchte
Wellblechhütten, vor denen Künstler, die nicht
wirklich können, Kunst feilbieten, die keine ist.
Wenn schon Boca, dann ein Besuch in der bis zum Bersten
gefüllten la bombonera, der Pralinenschachtel –
dem Hort aus Beton der Boca Juniors, Argentiniens Antwort
auf Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Einmal das Derby
gegen den Erzrivalen River Plate, den millionarios aus
dem Norden, erleben, das hinterlässt mehr Spuren,
als zehn verschiedene Museumsvisiten. Selbst bei denen,
die mit dem Ball nichts am Fuß haben. Denn das
Duell beider Teams ist eine Kunstform, es folgt einer
vertrauten Dramaturgie mit wenigen Variablen. Die Konstanten?
Ballverliebte, narzistische Akteure mit schlimmen 80-Jahre-Frisuren
machen Theater auf dem Rasen, der Fußball wird
hier wirklich zur Nebensache, nicht unbedingt zur Schönsten.
Es wird gezetert, getreten, geschlagen, nur nicht gespielt
– davon unberührt skandiert eine 57.000 Fan
starke Kehle ununterbrochen vereinseigenes Liedgut.
Das Stadion, es ist ein Mikrokosmos, ein unter Hochdruck
stehender Kessel, der für einen Moment menschliches
Treibgut zu einer Einheit verschweißt. Ein 90
minütiger Schulterschluß in blau-gelb. Boca,
eigentlich der Club der Arbeiter – wiewohl sein
Präsident wiederum der reichste Mann der Stadt
ist - und doch brüllen sich in den Fankurven Anwälte,
Ärzte und Arbeitslose Seite an Seite die Seele
aus dem Hals. Tags darauf wird der Arbeitslose dem Anwalt
als piquetero (grob übersetzt: organisierte Arbeitslosenbewegungen)
begegnen. Er wird ihn vielleicht sogar wieder erkennen,
wenn er sich ihm vors Auto wirft, den Verkehr lahm legt,
zusammen mit zu vielen anderen Beschäftigungsarmen,
die auf Schildern vor den werktätigen porteños
eine Flut politischer Protestparolen ausloben. Eine
Flut, die wirkungslos verebbt. Doch das ist eben diese
Stadt – ein menschgewordener, ein menschlicher
Widerspruch, den zu entdecken und verstehen zu lernen,
sich lohnt.
Und es sind diese Widersprüche, die sich am meisten
zu entdecken lohnen. Nicht im touristisch aufgefrischten
Hafenviertel Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern.
Auch nicht auf dem überinszenierten, sonntäglichen
Flohmarkt des Plaza Dorrego. Doch vielleicht schon ein
paar Gassen weiter, in den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten,
von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat.
Oder auf den kleinen, verspielten Plätzen von Palermo
Viejo, in der Straße Baez des herrlich unprätensiösen
Las Canitas, in den schattigen Alleen Belgranos und
den mondänen Straßen Recoletas. Überall
dort wo der Fremdenverkehr seinen Arm nur bedingt ausstreckt.
Und sicher auch irgendwann wieder in der schicken Bar
Dorrego, die dann einen anderen Namen tragen wird, sich
ähnlich wie die Stadt neu erfindet und wieder einsteigt
in die Achterbahn der guten Lüfte.
|