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"Das Licht des Südens" (GQ 02/05)
Zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise strahlt BUENOS AIRES wieder vor Lebensfreude. Für ein paar Pesos bekommt man in der argentinischen Hauptstadt die saftigsten Steaks zu essen und die aufregendsten Frauen zu sehen. Ein Essay über die Stadt mit den schönsten Stundenhotels der Welt.
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Was in La Nacion steht, ist wichtig! La Nacion ist nicht die größte Tageszeitung Argentiniens, aber die mit dem größten Renommee. Argentinischer Wein ist wichtig, sein Wert im Steigflug, seit Europäer die Rebensäfte aus den berühmten Bodegas der Nortons, der Torinos oder der Fichmans entdecken. Im Mai entdeckte man in La Nacion einen Artikel, keinen wirklich langen, über Wein, genauer, über 10.000 Flaschen Rotwein, die wohl auf dem Weg nach Europa falsch abbogen. Man fand sie im Lager einer Weinhandlung in Munro, einem Vorort von Buenos Aires – in ihnen fand man 200 Kilo Kokain und das konnte selbst mit den lockersten Reinheitsgeboten für Traubenerzeugnisse nicht harmonieren.

Ob man ein Porträt von oder zu Buenos Aires auch anders beginnen kann? Sicher. So wie viele, die bei diesem Thema sofort einer Depression anheim fallen, die unbeirrt dem Duktus von Trübsinn und Verzweiflung gehorchend über die Tristesse der Bevölkerung und über tote (Evita, Che) und halbtote (Maradona) Ikonen referieren, für die „Schwermut über der Stadt wie ein Gewitter liegt“, die immer wieder die dichterische Allzweckwaffe Borges bemühen, die der Kapitale stets aufs Neue das Prädikat „Paris Südamerikas“ umhängen, die Sätze bilden wie „Buenos Aires ist die Fortsetzung der Pampa mit anderen Mitteln“ - schön gesagt, doch was heißt das? Wer ist sie, diese Kapitale am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner, den porteños? Tatsächlich eine Urbanisation riesigen Ausmaßes, die den Blues hat, nur weil allerorten – nur eben nicht in der Stadt selbst – behauptet wird, aus ihr heraus sei beständig Tango zu vernehmen, jener „traurige Gedanke, den man tanzen kann“? Mitnichten!

Zugegeben, auch ich hätte mich vielleicht auf den Trampelpfad der Klischees begeben, wenn ich nicht ein paar Wochen später einen weiteren Artikel in La Nacion entdeckt hätte. Die Drahtzieher des geplatzten Koksdeals waren gefasst, acht Ausländer, darunter 2 Briten, Jugoslawen, sowie drei Einheimische. Einen von ihnen hatte ich unlängst kennen gelernt. Ihm gehörte eine Bar ganz in der Nähe von Las Canitas, dem Stadtteil, in dem ich wohne. Nein, ihm gehörte die Bar. Und Bar ist auch nicht ganz richtig, eher ein Amüsiertempel von für lokale Verhältnisse unerhört großer Dimension. Hohe Räume, ausufernde Sofas, raffiniert illuminiert, dezent beschallt, alles von erlesenem Geschmack. Alles sündhaft teuer. Der WC-Bereich optimiert für den Durchzug vieler schöner Menschen und vieler weißer Linien. Ja, und diese Bar und ihre Besitzer – es gibt noch einen Partner – mit dem hätte die Geschichte eigentlich beginnen müssen. Ist doch die Bar Dorrego das Symbol für etwas, dass hier seit mehr als einem Jahr stattfindet: Die wirtschaftliche Renaissance nach der großen Krise vom Frühjahr 2002 – frisiert, wie sich hier zeigen sollte, mit nicht ganz koscheren Mitteln, also auch denen der Geldwäsche. Für die Bar Dorrego hat es sich zunächst ausgewaschen, die Bar bleibt geschlossen.

Auf und zu, doch mehr noch: Rauf und Runter. Vielleicht ist das (kriminelle) Schicksal der Bar auch ein wenig Metapher für die lebensläufige Achterbahn, in der sich die Menschen zyklisch ihr kollektives Schleuder – lies: Seelentrauma abholen - Verdruss, fremdbestimmt, so die gemeine Wahrnehmung, doch im Eigentlichen hausgemacht. Der porteño (nicht zu verwechseln mit dem portero, das ist der Hausmeister) er sehnt, nach diesem und jenem von einst, denn da war es besser und er hadert. Mit bestechlichen Politikern, mit der argentinischen Nationalelf, mit dem internationalen Währungsfond. Und anschließend mit sich selbst. Dann trinkt der Mann (und die Frau) von der Straße seinen mate, melancholisiert, nostalgisiert ... que va`cer ... was kann man schon tun ... und seine Stimmung oszilliert irgendwo zwischen Euphorie und Weltuntergang – doch wirklich depressiv, sozusagen Tango-depressiv ist niemand. Auch nicht die Besserverdienenden, die wie beseelt die Couches der Therapeuten bevölkern. Kein Ort der Welt, außer vielleicht Woody Allens New York, weist eine so lückenlose Deckung an Seelenklempnern aus, hier wird tatsächlich Deutsch gelernt, um Freud auch im Original nicht zu verstehen. Besserverdienen? Das tun immer weniger, der jüngste Kollaps im Anschluss an die korrupten Menem-Jahre, der Währungsverfall und die Bankenkrise haben die Dollar-Sparguthaben ausradiert. Und die Mittelschicht, denen diese Konten gehörten, gleich mit.

Ein Dilemma für die Einheimischen, ein Segen für die Einreisenden. Buenos Aires gibt es seit fast zwei Jahren im Sonderschlussverkauf, alles muss weg, alles mit 70 Prozent Rabatt. Doch Buenos Aires steht nicht wie eine billige, abgetakelte Hure am Straßenrand, es biedert sich nicht an und will auch nicht genommen werden. Buenos Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken, was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen Ayre seit seiner Gründung 1536 ist – la aldea, das große Dorf. Eine Siedlung, die nie wirklich erwachsen wurde, in der aber in den letzten 468 Jahren – die Umkehrung des deutschen Einheits-Klischees mag man mir verzeihen - zusammenwuchs, was eigentlich nicht zusammengehört. Wenn morgens im vornehmen Recoleta die paseadores (Hundeführer) eine eklektische Schar hochgezüchteter - im wahrsten Sinne des Wortes, kleingewachsene paseadores erkennt man meist nur daran, dass sie die einzigen sind, die nicht bellen - Vierbeiner in die zahlreichen Parks geleiten, dann ist doch das angeleinte Nebeneinander von Huskies, Dobermänner und Schäferhunden eigentlich die Anleitung zum gefundenen Fressen. Und gefressen werden. Doch nichts der Gleichen. Stattdessen eine Metapher: Was der Köter schafft, bekommt auch die zweibeinige Spezies prima geregelt. Blickt doch der porteño auf jüdische und arabische Wurzeln, rühmt er sich einer italienischen, französischen oder deutschen Herkunft, glaubt er griechisch-orthodox, moslemisch oder katholisch – hier koexistiert alles und jedes fern von rassischen oder religiösen Ressentiments.

Sicher, fast jeder hat im Laufe der Jahre seinen Stadteil, sein barrio, behauptet. Der Franzose das mondäne Recoleta, die Deutschen das biedere Belgrano, die Italiener das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere Palermo, die Engländer Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt. Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer großen Molochs – das Saarland ist etwas kleiner – mischt sich dann alles.

Wenn es also nicht der Tango ist, der die Menschen bewegt – die Wenigsten können sich wirklich zu ihm bewegen – was dann? Politik, Fußball, Steaks und die chicas. Und der Verkehr an sich. Eine Armada altgedienter Peugeot 504, am Steuer taxistas, Taxifahrer, deren Bleifüsse vom Gen Fangios gesteuert werden, colectivos, chromblitzende Busse, in Wirklichkeit jedoch schnaubende, gedopte Stiere mit Motoren auf der Jagd nach Zeit und Fußgänger. Der gemeine Passant, er ist der Furunkel des Verkehrs, kratzen hilft nicht, man wird ihn nicht wirklich los. Die Straßen? Boulevards ungleich schmaler als die Elbmündung, in deren Fahrwasser auf zehn ausgewiesenen Fahrbahnen mindestens 16 Fahrzeuge versuchen, ohne Feindberührung aneinander vorbeizufliessen. Dennoch, wer wirklich etwas entdecken will, der geht zu Fuß. Und beeilt sich, sowohl beim Kreuzzug über die Kreuzung wie auch damit, auf verkehrsberuhigtere Zonen auszuweichen.

Zum Beispiel in die wunderschönen Parkanlagen, die sich als ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes Biotop entlang der Stadteile Recoleta über Palermo bis nach Belgrano schlängeln. Man teilt die Wege mit wettergegerbten und bis in die Haarspitzen gelifteten Damen aus teurerem Hause, die sich, zur Linken ihren Personal Trainer und zur Rechten ihren Ernährungsberater, spazieren führen. Der Körperkult führt in der Upper Class ein rigides Regiment. Wer kann, der läuft natürlich zur Form auf, wer nicht will, der lässt nachhelfen. Die Schönheitschirurgie wartet mit erhobenem Skalpell und floriert ähnlich, wie das Therapeutentum. Frisöre sind ein Phänomen, sie zersiedeln mancherorts ganze Stadteile, in Las Canitas beispielsweise müssen auf jede Bewohnerin drei Salons kommen, in denen sich die Frauen in den Tag hinein maniküren, pediküren und frisieren lassen. Überhaupt, die porteña, das unbekannte Wesen? Besser: Das geheimnisvoll-laszive aber auch kühl-berechnende. Erhobenen Hauptes, dezent, aber edel gekleidet – hier huldigt das Kleid die Form - geht sie stolz ihres Weges, scheinbar versunken in ihrer eigenen Welt, unempfänglich für Störfeuer von außen. Scheinbar. Denn sehr wohl registriert sie die wohlwollenden Blicke, die ihren Gang verfolgen. Anders als zum Beispiel in Rio aber ist das Rollenspiel der Geschlechter hier viel subtiler, regiert hier eine Art gespielte Zurückhaltung. Sex mit angezogener Handbremse. Erst des Nächtens, im Pulk ihrer Freundinnen taut sie auf, weicht die Pose der Natürlichkeit, wird sie kecker und flirtet aus der sicheren Halbdistanz. Die Nacht. Eigentlich dreht sich in Buenos Aires alles darum, wie man aus dem Tagsüber am schnellsten in die Nacht kommt. Der Verkehr erlahmt, es wird stiller, über die Stadt legt sich ein Mantel vibrierender Unruhe. Wie scheue Rennpferde stehen die Menschen, gestriegelt und gebügelt, in der Box. Was wird das Rennen, was wird die Nacht bringen? Ab 22.00h beginnen die Restaurants, sich zu füllen. An jeder dritten Straßenecke kapert leicht süßlicher Bratengeruch die unmittelbare Umgebung, es ist das Parfum, nach dem portensische Essenträume duften. Es ist Zeit für asado, ein dem deutschen Grillen oder dem amerikanischem Bar-B-Que ähnlicher Fleischverzehr, zelebriert in den zahllosen parillas, den kleinen Grillrestaurants, in denen ohne viel Federlesen Berge von Steaks ihren Weg in den Gast finden. Der porteño hat ein sehr dezidiertes Verhältnis zum Fleisch. Er liebt es in rauen Mengen und er liebt es ... schlicht. Er zelebriert es nicht, jedenfalls nicht in seinen Restaurants, es kommt sonderbar schmucklos daher. In Zivil. Aber stolz. Kaum ein Gewürz, keine Marinade inkommodiert sein Äußeres, keine unnötige Beilage beleidigt seinen Auftritt - es sei denn man bestellt sie ausdrücklich. Die Liebe ist übrigens geschlechterübergreifend, an keinem anderen Ort wird man so viele zierliche, figurbewußte Frauen finden, die sich mit Inbrunst stundenlang einer asado criolla (Schlachtplatte) widmen. Am Wochenende gern auch noch gegen 2.00 Uhr morgens. Danach tanzt sich die jüngere Generation die Kalorien wieder vom Leib, die ganz alte fällt matt ins Bett. Auch die, die sich weder für zu jung noch zu alt hält – nur eben nicht ins eigene. Zur Zeit sind nämlich die albergues transitorios beliebter Hort der Gastlichkeit. Die telos, wie sie verniedlichend getauft wurden, lassen sich wenig sexy übersetzen: Es sind Stundenhotels. Bezahlte Liebesnester. Multifunktional in ihrer Verwendung, erzkonservativen Familienväter, die ungezwungen ihre Mätressen beschiafen wollten, suchten genauso nach dieser typischen roten Laterne an der Wand eines unscheinbaren Gebäudes mit abgedunkelten Fenstern und diskretem Entree, wie deren Söhne und Töchter, die prüdem Katholizismus zum Trotz, ihren ersten Sex nicht im eigenen Bett, sondern in temporären Laken abhandelten. Heute kommt nun auch ein Klientel mit bereits gesellschaftlich akzeptabler Bettgeschichte. Aus Neugier. Telo ist Kult. Telo reicht von leicht ranzig mit Plastikbezug bis hin zu edel mit Whirlpool und feiner Pornoauswahl – das Ganze ab 10 Peso für drei Stunden. Am nächsten Tag im Freundeskreis werden dann die Eindrücke sortiert.

Stundenhotels sind heiß begehrt und leicht zu finden. Wo sind nun andere Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische Antwort: Überall. Und meistens dort, wo sie nicht ausgewiesen sind. Deshalb: Niemals sich dem Diktat wohlmeinender Stadtführer beugen – auch nicht diesem. Man fängt am besten irgendwo an, denn Buenos Aires ist sowieso nirgends. Schon gar nicht dort wo die „gute Luft“ einst anfing, in La Boca, damals, als die italienischen Einwanderer dort landeten und auch dort blieben, als die besser Situierten im Anschluss an das große Gelbfieber von 18?? in Richtung Norden mäanderten. Heute zieht aus einem längst verstorbenen Seitenarm des Rio de la Plata beißender Gestank durch die schmalen Gassen von La Boca. Und sonst nichts! Der berühmte carminito? Viel bemühtes Postkartenmotiv und in Wahrheit nicht mehr als ein paar bunt getünchte Wellblechhütten, vor denen Künstler, die nicht wirklich können, Kunst feilbieten, die keine ist. Wenn schon Boca, dann ein Besuch in der bis zum Bersten gefüllten la bombonera, der Pralinenschachtel – dem Hort aus Beton der Boca Juniors, Argentiniens Antwort auf Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Einmal das Derby gegen den Erzrivalen River Plate, den millionarios aus dem Norden, erleben, das hinterlässt mehr Spuren, als zehn verschiedene Museumsvisiten. Selbst bei denen, die mit dem Ball nichts am Fuß haben. Denn das Duell beider Teams ist eine Kunstform, es folgt einer vertrauten Dramaturgie mit wenigen Variablen. Die Konstanten? Ballverliebte, narzistische Akteure mit schlimmen 80-Jahre-Frisuren machen Theater auf dem Rasen, der Fußball wird hier wirklich zur Nebensache, nicht unbedingt zur Schönsten. Es wird gezetert, getreten, geschlagen, nur nicht gespielt – davon unberührt skandiert eine 57.000 Fan starke Kehle ununterbrochen vereinseigenes Liedgut. Das Stadion, es ist ein Mikrokosmos, ein unter Hochdruck stehender Kessel, der für einen Moment menschliches Treibgut zu einer Einheit verschweißt. Ein 90 minütiger Schulterschluß in blau-gelb. Boca, eigentlich der Club der Arbeiter – wiewohl sein Präsident wiederum der reichste Mann der Stadt ist - und doch brüllen sich in den Fankurven Anwälte, Ärzte und Arbeitslose Seite an Seite die Seele aus dem Hals. Tags darauf wird der Arbeitslose dem Anwalt als piquetero (grob übersetzt: organisierte Arbeitslosenbewegungen) begegnen. Er wird ihn vielleicht sogar wieder erkennen, wenn er sich ihm vors Auto wirft, den Verkehr lahm legt, zusammen mit zu vielen anderen Beschäftigungsarmen, die auf Schildern vor den werktätigen porteños eine Flut politischer Protestparolen ausloben. Eine Flut, die wirkungslos verebbt. Doch das ist eben diese Stadt – ein menschgewordener, ein menschlicher Widerspruch, den zu entdecken und verstehen zu lernen, sich lohnt.

Und es sind diese Widersprüche, die sich am meisten zu entdecken lohnen. Nicht im touristisch aufgefrischten Hafenviertel Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern. Auch nicht auf dem überinszenierten, sonntäglichen Flohmarkt des Plaza Dorrego. Doch vielleicht schon ein paar Gassen weiter, in den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten, von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat. Oder auf den kleinen, verspielten Plätzen von Palermo Viejo, in der Straße Baez des herrlich unprätensiösen Las Canitas, in den schattigen Alleen Belgranos und den mondänen Straßen Recoletas. Überall dort wo der Fremdenverkehr seinen Arm nur bedingt ausstreckt. Und sicher auch irgendwann wieder in der schicken Bar Dorrego, die dann einen anderen Namen tragen wird, sich ähnlich wie die Stadt neu erfindet und wieder einsteigt in die Achterbahn der guten Lüfte.