"Wir wollen sofort ans
Meer!" - so lautet der Marschbefehl, als
mir vor knapp einer Stunde zwei bleichgesichtige Frauen
auf dem Miami International Airport entgegeneilen. Ulli
und Astrid brauchen wirklich dringend Urlaub! Ich plaziere
die Neuankömmlinge nebst größerer Tonnage
an Gepäck in meinen viel zu kleinen, dafür
aber offenen Ford Mustang. Hektik bricht aus. Sonnenbrillen
werden vermißt, Kopftücher fliegen davon
und die Sonnencreme hat nur Lichtschutzfaktor 5. Die
Fahrt über den MacArthur Causeway vorbei an den
gläsernen Gebäudefassaden Downtowns und an
den vorgelagerten Inseln Palm-, Hibiscus- und Star Island
zur Linken und dem Hafen und Fisher Island zur Rechten
scheint ein wenig spurlos an den Damen vorüberzugehen.
Jet Lag oder einfach nur Desinteresse? Weder noch, schließlich
ist das Ziel klar vor Augen. Auf gehts - zum Ocean Drive.
Jenem legendären Strip direkt am Wasser, der auf
eigenwillige Weise immer wieder für weltweite Schlagzeilen
sorgt. Für negative, wenn wochenlang internationale
Kamerateams den Mord an einem bekannten italienischen
Modeschöpfer aufbereiten (Gianni Versace war übrigens
im Besitz des einzigen Privathauses direkt am Beach)
Oder für positive, wenn mal wieder ein großes
Filmprojekt die Straße am Beach als Location entdeckt
hat.
Heute ist alles normal. So normal, wie es eben auf
dem größten Open-Air-Laufsteg der Welt zugehen
kann. Nach dem Bad im Meer und in der Menge erobern
wir einen Tisch im "News Cafe". Und einen
erfrischenden, wenn auch leicht überteuerten Ice-Tea.
Trotz schon leicht sonnengebrandter Nasen, drinnen sitzen
gilt jetzt nicht. Denn die Pole-Position im Kampf um
den besten Sichtplatz auf die vorbeiflanierende Menschen-Karawane
befindet sich direkt auf dem sidewalk. "Das gibts
doch alles gar nicht ...!" So richtig wollen die
beiden nicht aus dem Staunen herauskommen. Der ein wenig
verklärte Blick wandert abwechselnd vom weißen
Sand über das blaue Meer in den noch blaueren Himmel.
Und von dort zurück auf eine Phalanx wohlgebräunter,
durchtrainierter und stetig grinsender Beachboys - Typ
Markus Schenkenberg. Eine Spezies Männer, die hier
in Rudeln auftritt. Ganz besonders am Strand an der
12. Straße. Welcome to Miami Beach! Oder besser
gesagt: to SoBe (das steht für: South Beach), wie
die Einheimischen den südlichen Zipfel ihres Halbinselreiches
nennen.
Stunden später - die Damen haben sich müde
gekuckt. Wie gut, daß die Unterkunft nur einen
Block entfernt liegt. Im Mekka der Sonnenanbeter gibt
es 398 Hotels. Und es gibt das "Leon". Jahrelang
fristete das aus der Blütezeit des Art déco
stammende Gebäude ein Mauerblümchendasein.
Ein Haus wie jedes andere. Bis vor zwei Jahren das Münchner
Ehepaar Gabriel das dahinsiechende Domizil übernahmen
und es einer rigorosen Frischzellenkur unterzogen. Das
Ergebnis nach fast vollständiger Entkernung: Deutsche
Präzision meets italienische Gelassenheit, Mediterranes
im Dialog mit Postmodernem. Der Einwand meines Besuches,
daß es ja wohl kaum "cool" sein könne,
in Amerika ausgerechnet in einem "deutschen"
Hotel abzusteigen ... . Der Eintritt in die Lobby genügte!
Es ist Anfang Dezember. In Südflorida machen sich
langsam erträgliche Temperaturen breit. Tagsüber
pendelt das Quecksilber um die 25 Grad und nachts ist
es dann mit etwas über 21 Grad schon empfindlich
kühl. Jedenfalls für die hier ansässige
Bevölkerung. Irgendjemand drückt auf einen
imaginären Startknopf - die Saison ist eröffnet.
Bühne frei für Models und Photographen aller
Herren Länder. Miami Beach verwandelt sich zum
größten Freiluft-Shooting der Welt, Touristen
überschwemmen Hotels und Restaurants genauso wie
verzweifelte Anrufe meinen Anrufbeantworter. In Deutschland
scheint die Sonne in Strömen. Zeit also Freunde
fern der Heimat mit einem Besuch zu beehren. Vor ungefähr
10 Jahren hätte ich sämtlichen Bekannten sogar
das Flugticket spendieren können - und keiner wäre
gekommen. Doch heute? Aus dem einstigen "Wartesaal
Gottes" (eine Anspielung auf das ehemalige Rentnerparadies
Miami Beach) ist die Partymetropole schlechthin geworden
- alles, was über 60 Jahre alt ist, hat sich gen
Norden verdrückt. Fast alles! Denn bevor es kopfüber
in die Nacht geht - ein kleiner Abstecher zu "Joe`s
Stone Crab". 85 Jahre Restaurantinstitution. Und
wenn auch Joe selbst nicht mehr am Herd stehen kann,
sein Laden ist nach wie vor erste Adresse im Zubereiten
von Steinkrebsen und anderen Meeresfrüchten. Und
nach wie vor wabert Tradition durch seinen Laden. Zu
der auch gehört, daß seit 85 Jahren keine
Reservierungen angenommen werden. So stehen wir zwischen
Schicki und Micki an der Bar und bestellen eine Magarita
nach der anderen - kein Wunder bei bis zu drei Stunden
strammen Wartens. Geduld ist eben eine Tugend und die
wird mit einem 1a Abendessen belohnt. Pappsatt schleppen
wir uns auf einen Digestif ins benachbarte "Joia",
einem der hellsten Sterne am diesjährigen Gastro-Firmament.
Und Tankstelle für alles und jeden, der sich zu
den Prominenten Miamis zählen darf. Sieht der klein
gewachsene Herr zwei Tische weiter nicht aus wie Sylvester
Stallone? Er sieht nicht nur so aus, er ist es wirklich
- eingerahmt von Bodyguards und tiefdekolltierter Begleiterinnen.
Inzwischen ist es nach Mitternacht. Die Tour de Force
durch das legendäre Nachtleben am Beach kann beginnen.
Fast alles ist bequem zu Fuß zu erreichen. Allein
zwischen 6. und 8. Straße auf der Washington Avenue
befinden sich gleich drei der angesagtesten Clubs. First
stop: "The Living Room at the Strand". Vorbei
an einer Front in feinstes Tuch gehüllter Türsteher
tauchen wir ein in ein buntes Allerlei aus Tresenlandschaft,
Eßecke und plüschigen Sofas, auf denen sich
VIPs unterschiedlichen Grades lümmeln. Eigentlich
geht es hier noch relativ ruhig zu. Man nippt vornehm
an seinen Getränken, übt sich in vornehmer
Konversation oder läßt vornehm die Blicke
schweifen. Alles einen Tick zu vornehm und vor allem
zu ruhig für meinen Besuch. Sie wollen tanzen!
Also ab ins "Bash". Drinnen dröhnt Trendiges
à la Dance oder Techno, draußen in dem
eingezäunten Patio heizt man mit lateinamerikanischen
Klängen ein. Oder ins "Chaos". Was dieser
Tanztempel an Ambiente vermissen läßt - der
Laden hat ein wenig was von dem Charme einer ostdeutschen
Bahnhofshalle unter Notbeleuchtung - macht er durch
sein bizarres Publikum wett. Ob schwarz oder weiß,
schwul oder straight, reich oder sehr reich, im Chaos
regiert selbiges. Der fast zwei Meter große Ru
Paul Look-a-like flüstert dem Armaniträger
etwas ins Ohr, die vollbusige Sekretärinnenclique
rotiert im aufblitzenden Scheinwerferlicht zum lautesten
Beat der Stadt. Kaum lasse ich Ulli und Astrid für
einen kurzen Moment aus den Augen, buhlt auch schon
eine Gruppe ausgelassener und spendierfreudiger Herren
Marke "Latin Lover" um ihre Aufmerksamkeit.
Wie machen die das nur bei einem solchen Geräuschpegel?
Ich ziehe mich zusammen mit einem Bier aus dem Verkehr
und betrachte das junge Glück. Das nicht lange
währt, irgendwie scheinen die Jungs den Knigge
nicht richtig parat gehabt zu haben. Erwartungsfroh
und gutgelaunt bauen sich die beiden Nachtschwärmerinnen
erneut vor mir auf. Und wohin jetzt? In der "Shadow
Lounge" geht bestimmt noch was. Und wenn nicht
da, dann ins "Liquid" oder ins ... . Sämtliche
Hotspots ertanzen zu wollen, dazu braucht man Tage.
Und morgen ist auch noch einer.
Morgen ist Sonntag. Und der beginnt mit einem opulenten
Frühstück. Im "11th Street Diner"
stößt die Küche 24 Stunden am Tag Fast-Food
Leckereien aus. Egal ob Breakfast, Lunch oder Dinner,
fast alles ist zu jeder Tages-und Nachtzeit erhältlich.
Im XXL-Format. Die Pancakes haben die Ausmaße
von Radkappen, im Omelett ist garantiert ein six-pack
Eier eingearbeitet. Astrid blickt mißbilligend
auf die Kalorienbomben und beläßt es bei
einem Orangensaft. Vielleicht hätte ich die beiden
doch lieber zum Brunch ins Delano Hotel führen
sollen. Dort sind die Portionen kleiner, die Preise
höher und das Ambiente mondäner. Na ja, nobody
is perfect. Ich merke mir das Delano auf einen Drink
für den frühen Abend vor - als Wiedergutmachung.
Jetzt aber schnallen wir uns die Inline-Skates (gibt
es zu leihen) unter die Füße und düsen
an den Strand. Diesmal an den zwischen der 3. und 4.
Straße. Hier geht es etwas beschaulicher zu, es
fehlen die gestählten Jungs aus dem gestrigen Sandkasten.
Und leider gibt es auch keine Sonnenschirme und -liegen.
Dafür aber ein angenehmes Publikum aus Locals und
Individual-Touristen. Nach vier Stunden Braterei geben
wir auf. Zeit für einen kleinen Snack bei meinem
Lieblingsitaliener. "Sports Cafè" heißt
der Laden. Nicht eben italienisch, sondern eher Huldigung
der Tasache, daß Silvano und Pablo ihren Gästen
neben Pasta und Pizza auch Live-Übertragungen verschiedenster
Sportereignisse servieren. Das Interesse meiner Freundinnen
am Spiel zwischen den Miami Dolphins und den New York
Jets erlahmt schneller, als die Nudel erkalten kann.
Sie wollen shoppen. Gottseidank ohne mich. Ich mache
einen schnellen Plan; die Collins Avenue entlang zwischen
6 und 8. Straße (dort befindet sich von Guess
und Gap über Banana Republic bis hin zu Kenneth
Cole alles auf engstem Raum). Rüber auf die Washington
Avenue und gemütliches Schlendern bis kurz nach
der 16. Straße (vorbei an namhaften Boutiquen
à la Versace und skurrilen kleinen Lädchen
mit schriller Mode,abgefahrenen Accessoires - von der
Federboa über das Henna-Tatoo, es gibt nichts was
es nicht gibt). Von dort, Abbiegen in die Lincoln Mall
Rd, eine Art Einkaufszentrum im Freien. Weg sind sie.
Und trudeln rechtzeitig zum Ende des zweiten Spiels
wieder im Sports Cafè ein. Schwer bepackt mit
Textilien abenteuerlichster Couleur. Darunter auch zwei
Bikinis, die einem die Schamesröte ins Gesicht
treiben sollten. Der muß natürlich bei nächster
Gelegenheit bei den hübschen Jungs am Beach gezeigt
werden. Schade nur, daß für den nächsten
Tag Regen angesagt ist. Statt Sonne und Spaß versuche
ich es mit Kunst und Kultur. Geht nicht in SoBe? Viel
zu verbreitet ist der Glaube, daß mit Art déco
über die Architektur hinaus auch der Kunstbeitrag
gleich mit abgeliefert wurde. Das stimmt nur bedingt.
Gut, es ist kein Guggenheim, aber auch das Wolfsonian
Museum (1001 Washington Ave.) steckt voller Überraschungen
- kein Wunder bei ca. 70.000 Exponanten unterschiedlichster
Stilrichtungen aus den letzten beiden Jahrhunderten.
Die man aber an einem Nachmittag nicht alle sehen kann
- oder will. Statt alter Schinken dann schon lieber
Live-Art. Kunst kommt ja bekanntlich von "können"
und im Art Center (924 Lincoln Rd.) kann man Künstlern
beim Kreieren von Bildern, Plastiken und Skulpturen
über die Schulter schauen. Und die können
wirklich was. Über 60 zukünftige Meister und
ein sachkundiges Publikum zerbrechen sich den Kopf über
die Kunst von übermorgen. Ich hingegen sinniere
über das Wetter von morgen. "Wir wollen wieder
ans Meer, Bikinis vorführen!" Sun and Fun
eben.
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