Die Luft steht und es ist heiß.
Unser Kanu schiebt sich lautlos, und inzwischen auch
mühelos, durch eine bizarre, etwas unwirtliche
Mangrovenlandschaft Ein Heron, ein Reiher, beobachtet
unser Treiben mit Nachsicht, dann taucht sein Kopf
wieder in das moorfarbene Wasser, dort ist es sicher
interessanter. Hätte er uns vor einer halben Stunde
gesehen, er hätte den Kopf geschüttelt und
noch ein paar seiner Reiherfreunde dazu gebeten. Zum
Lachen. Laienhaftes Kanufahren birgt nämlich durchaus
komische Momente. Zu dritt sind wir in den Oleta River
State Park gefahren, ich, mein Muskelkater und Suzy,
eine alte Freundin. Der Park ist eine fast 40 Quadratkilometer
große grüne Lunge, die sich in der brodelnden
Metropolis Miami versteckt hat – nur wenige Autominuten
vom Beach entfernt. Ein fast unberührtes Stück
Landschaft, das seine Besucher mit ein wenig Fortüne
die seltenen Manatees, Floridas Seekühe, Delfine,
in jedem Fall aber zahllose Vögelarten entdecken
lässt. Und diesem Glück kommt man am leichtesten
per Kanu auf die Spur. Leicht? Die ersten „Gehversuche“ auf
dem Wasser sind Momente frappanter Unsportlichkeit.
Heißt es nun eigentlich ein oder kein Blatt vor
den Mund nehmen? Kaum jedenfalls hatten wir uns in
unsere Sitzposition gewackelt, verfehlt mich Suzys
Ruderblatt nur um Haaresbreite. Nach wenigen Minuten
aber haben wir das Paddeln raus und konnten uns der
Natur widmen. Und tatsächlich, wir hatten Glück,
zu Ende des zweistündigen Trails, sahen wir vor
uns eine gigantische, graue Masse prustend auftauchen.
Eine Seekuh, die unentschlossen in unsere Richtung
peilt und anscheinend überlegt, näher zu
kommen. Sie entscheidet sich leider fürs abtauchen,
während gleichzeitig Schwärme von Moskitos überlegten,
aufzutauchen. Ruder greifen, Flucht ergreifen, alles
eine fließende Bewegung ... mit maximaler Schlagzahl
steuern wir auf das rettende Ufer zu.
Wenn zu Hause die Sonne wieder einmal in die unverdiente
Winterpause geht. Wenn in Floridas Süden Schweißperlen
die einzigen zu erwartenden Niederschläge sind.
Dann ist die beste Zeit gekommen. Seit vier Tagen bin
ich jetzt wieder in Miami, dem Mekka sportlich-gestählter
Sonnenanbeter. Hier sieht sogar der gemeine Passant
im Durchschnitt besser aus, als Besucher und Einheimische
andernorts. Pool der genetisch Gesegneten? Epizentrum
gewandter Chirurgenskalpelle? Sicherlich von beidem
nicht zu wenig. Vieles jedoch ist Ausdruck harter Arbeit – zwischen
Ocean Drive und Lincoln Road, zwischen 1. und 23. Straße
wird ein hartes Fitnessregiment geführt. Jemanden
zu finden, der nicht kilometerlang über den Strand
joggt oder über die durch kleine Brücken
verbundenen Inseln skatet oder radelt, ist ebenso selten,
wie zwei Regentage hintereinander. Das mit dem Wetter
ist nicht neu, das mit dem ausgeprägten Körperbewusstsein
schon: Noch vor 20 Jahren war “Amerikas Riviera“ die
geriatrische Endstation Sehnsucht – im einstmals
so titulierten “Wartesaal Gottes“ residierten
Amerikas Rentner und harrten dem letzten Sonnenuntergang.
Heute ist SoBe (South Beach), wie die Eingeborenen
den südlichen Zipfel von Miami Beach getauft haben,
ein hedonistischer Tummelplatz äußerlich
fröhlicher Leute, deren Hauptproblemzone des Lebens
sich tatsächlich auf den tadellosen Zustand von
Bauch, Beine, Po zu beschränken scheint.
Ich bringe Teile davon sofort in Schwung. Meine Reisetasche
hat es gerade noch bis an die Rezeption vom Leon, einem
dieser kleinen, charmanten Boutique-Hotels auf der
Collins Avenue, geschafft, da renne ich auch schon
den Strand entlang. Der ist zwar überall gleich,
nur wer auf ihm liegt, das variiert. Auf der Höhe
Ocean Drive und 12. Straße zum Beispiel lustwandeln
die Herrschaften, die mehr für ihresgleichen übrig
haben. Am Strandabschnitt Collins Avenue zwischen 16.
und 20. Straße besetzt ein eher besser betuchtes
Volk teure Badelaken, schließlich findet der
Strand hier vor dem Delano, dem National und dem Shore
Club statt, Art déco Herbergen der mondänen
Art. Nach spätestens drei Tagen weiß man,
wo man selbst liegen mag – ich mag den Abschnitt
zwischen 2. und 3. Straße am liebsten. Hier sonnt
eine fröhliche Melange aus Einheimischen und Touristen,
jung und nicht mehr ganz so jung, Models und Surfern – letztere
dümpeln oft stundenlang im badewannenwarmen Wasser,
um irgendwann triumphierend eine Welle abzureiten,
die höher als 50 Zentimeter ist. Miami ist viel,
ein Surfparadies ist es nicht.
Dafür aber eine Oase der Gyms und Spas. Unumstrittene
Nummer 1 unter den Fitnesstempeln: Das Crunch. Hier
habe ich dann am zweiten Tag den Muskelkater bezahlt – der
Tagespass, der zur Teilnahme an alles Kursen berechtigt
kostet $21 Dollar - der für die nächste Woche
mein Dauerbegleiter werden sollte. Dabei hatte Donna
mich vorgewarnt. Donna Cyrus ist seit Jahren die Spürnase
für neue Crunch-Kurse, erfindet sich und damit
den Trend immer wieder neu. Nach ihrem Kurs hüpft
und schwitzt man nicht nur am Beach, sondern auch in
Fitnesshochburgen wie L.A. oder Manhattan. Sie kennt
mich und wenn sie sagt, lass das mal besser mit der
Cardiocut FX Klasse, dann sollte ich eigentlich auf
sie hören. Aber was sind meine Alternativen? Bei
Cardio Striptease, Hip-Hop Cowgirl oder Dodgeball 101 – letzterer
eine aufgepeppte Version des bereiften Völkerballs,
konnte ich mich nun wirklich nicht sehen. Donna übrigens
auch nicht. Also rein in Cardiocut FX ... und nach
einer Stunde wieder raus. Beziehungsweise das, was
von mir übrig blieb. Die eigentlich 2 Kilo leichten
Hanteln hängen tonnenschwer an meinen Armen, der
Puls reicht für zwei, der Kopf ist feuermelderrot
und die Muskeln ... ich glaube, die haben es nicht
mehr nach draußen geschafft. Ich aber bin total
geschafft, doch auch stolz, durchgehalten zu haben,
dieses Non-Stop Konditionstraining aus Ausfallschritten,
Sprüngen und Dehnübungen findet auch noch
die letzte überflüssige Kalorie und verbrennt
sie. Vom Trainer, der Fitness-Ikone Philip Grey gibt
es dazu noch ein aufmunterndes Lächeln – der
Mann ist so fit, der muss hinterher nicht einmal duschen.
Beim Rausgehen verrät Donna mir noch, was die
Crunch Jünger im nächsten Jahr erwartet:„Es
wird alles schlichter, weg von den Gewichten und Maschinen
hin zu mehr Spaß. Aber ...”, verkündet
sie und hebt den Zeigefinger, “Spaß mit
Resultat“. Deshalb gibt es demnächst Kurse,
in denen der Berg ruft. Wie Inner Everest Hyper Fitness,
der wird von einem erprobten Bergsteiger geleitet,
anschließend können und wollen die Teilnehmer
tatsächlich zum Himalaya aufbrechen und die Probe
aufs Exempel machen.
Ich hingegen breche auf in Richtung Ocean Drive - Miami
Beach ist die Stadt der kurzen Wege, alles ist bequem
zu Fuß zu erreichen. An der Ecke 8. Straße
findet sich eines der Fossile der Gastro-Szene. Das
legendäre News Café. Hier bleibe ich auf
einen Eistee. Schräg davor, durch die Palmen hindurch,
die den kleinen Park zwischen den flachen Dünen
und der Straße säumen, baggert und pritscht
sich die lokale Beach-Volleyball Szene in der Abendsonne
den Ball um die Ohren. Für mich reicht es heute
nur noch zum Zuschauen. Danach, zurück ins Hotel
und ... kopfüber in die Nacht. Nightlife und wie
und wo es stattfindet, das ist hier wie mit der Mode – es
wechselt ständig. Eine Konstante aber behauptet
sich seit einigen Jahren auf dem Laufsteg der Eitelkeiten:
Das Segafredo, eigentlich nicht viel mehr als ein liebevoll
inszeniertes Durcheinander von Stühlen am Ende
der Lincoln Road. Doch genau hier macht die Karawane
der Schönen halt, kommt ein wenig zur Ruhe, genießt
die großzügig geschenkten Cocktails und
blickt gelassen auf den quirligen Menschenauflauf,
der links und rechts vorbeizieht. Ich plaudere kurz
mit Sergio, Segafredos gute Seele, ein wieselflinker,
kleiner Italiener, der mir in Windeseile noch einen
Platz auf der Freilichtbühne und einen riesigen
Cuba Libre organisiert. Sergio raunt mir noch zu, dass
ich mir später noch das Onda ansehen soll, eine
neue Lounge auf der Washington Avenue und 12. Straße.
Ein prima Tipp, wie sich später heraus stellt,
endlich einmal ein Laden, der ohne wummernde Musik
auskommt. Jedenfalls, sofern man früh genug kommt.
Früh geht es am nächsten Morgen weiter. Ich
habe mir ein Fahrrad organisiert, nicht eines dieser
typischen Beach-Cruiser, sondern eher eine Mischung
zwischen Mountainbike und Rennrad. Schließlich
liegt einiges an Strecke vor mir – der Crandon
Park, so will es die Karte, ist gute 20 Kilometer entfernt,
in Key Biscayne. Der Weg dahin führt über
den Venetian Causeway, eigentlich mehr Brücke
als Straße, denn er verbindet eine Gruppe künstlicher
Inseln mit dem Festland. Hier sind die Besserverdienenden
zu Hause, haben sich inklusive Bootsanleger und Yacht
prachtvolle Villen in den verschiedensten Baustilen
direkt ans Wasser gesetzt. Vorbei an Downtown und seinen
Glaspalästen biege ich auf die Brickell Avenue
und anschließend, inmitten eines Pulks von Skatern,
Joggern und anderen Bikern, die alle das gleiche Ziel
haben, auf den Rickenbacker Causeway, der fast schnurgerade
Richtung Key Biscayne geht. Crandon Park war schon
immer die Adresse für den besseren, den ruhigeren,
den breiteren Strand, heute ist er auch noch die Startbahn
für die immer größer werdende Gemeinde
der Kitesurfer. Hier hält mein alter Freund Oliver
die Fäden in der Hand, zumindest die von seinem
Drachen. Sieht man ihm bei der Arbeit zu – er
ist auch noch Kitesurf-Lehrer – dann fragt man
sich allerdings, wer hier wen steuert. Für Sekunden
scheint er in der Luft zu stehen, Brett und Drachen
sogar noch ein wenig darüber. Er hat sogar noch
Zeit für ein freches Grinsen, dann hat ihn die
Schwerkraft wieder und er plumpst 10 Meter abwärts
in das azurblaue Meer. Kaum eingetaucht, hebt er auch
schon wieder ab. Zusammen mit einer ganzen Armada von
Flugdrachen, die durch die heiße Luft saust.
Wie gut in Form muss man eigentlich sein, damit einem
die (Luft) nicht ausgeht? Ich versuche mein Glück,
doch nachdem ich nach einigen Geh- beziehungsweise
Flugversuchen nur mit viel Glück nicht an einer
Palme hängen blieb, breche nicht ich, sondern
Oliver das erste Trockentraining ab. Zuviel Wind, sagt
er und grinst. Ich weiß nicht, ob er mehr Angst
um mich oder um seinen Drachen hat.
Oliver und ich sehen uns nicht so oft. Aber wenn wir
uns sehen, dann wird eines immer offenkundiger – er
wird immer jünger, ich immer älter. Wie macht
er das? Neben viel Sport, der Mann gibt auch noch den
Tennistrainer, kommt bestimmt nur Gesundes auf den
Tisch. Oder? Er hält es da, wie der Rest der großen
Fitness-Gemeinde: Low carbs. Wenig Kohlenhydrate, die
Ernährungsfibel „The South Beach Diet“ verkauft
sich mit dieser Formel wie geschnitten Brot. Wer es
damit Ernst meint, der lässt so sympathische Gasthäuser
wie den 11th Street Diner – sensationelle Kalorienbomben
im XXL-Format – links liegen und marschiert direkt
ins Wild Oats. Amerikas Antwort auf unser Reformhaus
- in Ikea Dimension. Hier gibt es feinste Salate, leckeres
Sushi und köstliches vegetarisches Chili, alles
streng organisch natürlich. Hier sitzt auch das
Ehepaar Estefan und frönt einem der vielen Energy-Drinks.
Guarana, Ginseng und das nicht unumstrittene L-Carnitin
sind derzeit „flavor of the month.“ Ich
belasse es bei einer großen Tüte Obst.
Kein Floridatrip ist komplett ohne einen kleinen Abstecher
in die Everglades. Ich steuere den Mietwagen Kurs Key
West. Auf halber Strecke bei Florida City liegt, längst
abseits vom touristischen Airboat-Rummel, ein Abzweiger
in den Everglades National Park. Schnell sind links
und rechts die letzte Überreste der Zivilisation
verschwunden, eine Moorlandschaft, aus dem ab und zu
ein einsamer Baum wie ein stummer Vorwurf ragt, fliegt
am Auto vorbei. Am Ende der 60 Kilometer langen Strecke
warten eine Tankstelle und eine kleine Hafenanlage
namens Flamingo. Und dort ist wirklich Endstation,
dort plumpst Florida sanft in den Golf von Mexiko.
Wasser, wohin man schaut, ich lasse die Kanus diesmal
links liegen und spendiere mir eine Fahrt auf Capt.
Jims „Pelican“. Ich hätte auch ein
anderes dieser typischen Ausflugsboote nehmen können,
die träge in der Marina vor sich her dümpeln,
aber der kauzige Jim verspricht Delfine und Krokodile.
Mit etwas Glück ... aber ich glaube, das mit dem
Glück, das sagte er erst hinterher. Immerhin bekam
ich ein paar Schildkröten zu sehen und erfuhr
etwas Wissenswertes über Moskitos. Von denen gibt
es 43 verschiedene Arten im Park, davon nur 13 bissige.
Ich schaue auf meine zerstochenen Waden, vermag aber
nicht zu erkennen, wie viele unterschiedliche Spezies
sich dort ausgetobt haben, die Biester sind einfach
zu klein. Ach ja, und dann klärt er mich noch
darüber auf, dass Flamingo eigentlich eine Mogelpackung
ist, es gibt reichlich Flora und Fauna, nur ... Flamingos,
die gibt es nicht. Wo es denn welche gäbe, will
ich wissen. Auf der Pferderennbahn in Hialeah in Miami,
kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück.
Oder im Zoo. Ach so ...
Auf dem Rückweg mache ich einen Pit-Stop in Coral
Gables, denn dort, in diesem idyllischen Villenviertel
liegt ganz versteckt mein ganz persönliches Ermüdungsbecken
- ein Schwimmbad besonderer Art. Der über 80 jährige
Venetian Pool. Der Name ist durchaus Programm, architektonisch
erinnert hier alles an den venezianischen Lido. Ich
lasse mich ins glasklare Nass - Quellwasser wohlgemerkt
- fallen und sehe in Gedanken neben mir Badenixe Esther
Williams auftauchen – die hier übrigens
früher, zusammen mit Jonny „Tarzan“ Weißmüller,
wirklich schwamm, und das sogar zu den Live-Klängen
eines klassischen Orchesters. Heute kommt die Musik
zwar aus Boxen, doch mit geschlossenen Augen und ein
wenig Fantasie schwimmt es sich ganz leicht zurück
in die Zeit der 20er Jahre mit seinen Soirees und Cocktail
Parties am Poolrand. Wenn jetzt noch der blöde
Muskelkater abklingt. Wenigstens bis Ende März.
Denn dann jährt sich das Miami Fitness Festival
zum siebten Mal. Das Motto frei nach Olivia Newton
John: “Let`s get physical“: Ob Spinning,
Free Climbing an künstlichen Wänden, oder
einer Runde Sparring im Boxring mit Profiboxern, hier
kann sich jeder nach Herzenslust austoben. Und bis
zu 50.000 tobten beim letzten Mal. Ob ich mich da zeigen
sollte? Ich denke schon, fit genug bin ja jetzt.
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