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"Miami Nice" (Shape 1/2005)
Joggen unter Palmen, paddeln zwischen Seekühen. In Floridas Metropole verbinden sich Sport, Sightseeing und Strand zum perfekten Sonnenurlaub.
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Die Luft steht und es ist heiß. Unser Kanu schiebt sich lautlos, und inzwischen auch mühelos, durch eine bizarre, etwas unwirtliche Mangrovenlandschaft Ein Heron, ein Reiher, beobachtet unser Treiben mit Nachsicht, dann taucht sein Kopf wieder in das moorfarbene Wasser, dort ist es sicher interessanter. Hätte er uns vor einer halben Stunde gesehen, er hätte den Kopf geschüttelt und noch ein paar seiner Reiherfreunde dazu gebeten. Zum Lachen. Laienhaftes Kanufahren birgt nämlich durchaus komische Momente. Zu dritt sind wir in den Oleta River State Park gefahren, ich, mein Muskelkater und Suzy, eine alte Freundin. Der Park ist eine fast 40 Quadratkilometer große grüne Lunge, die sich in der brodelnden Metropolis Miami versteckt hat – nur wenige Autominuten vom Beach entfernt. Ein fast unberührtes Stück Landschaft, das seine Besucher mit ein wenig Fortüne die seltenen Manatees, Floridas Seekühe, Delfine, in jedem Fall aber zahllose Vögelarten entdecken lässt. Und diesem Glück kommt man am leichtesten per Kanu auf die Spur. Leicht? Die ersten „Gehversuche“ auf dem Wasser sind Momente frappanter Unsportlichkeit. Heißt es nun eigentlich ein oder kein Blatt vor den Mund nehmen? Kaum jedenfalls hatten wir uns in unsere Sitzposition gewackelt, verfehlt mich Suzys Ruderblatt nur um Haaresbreite. Nach wenigen Minuten aber haben wir das Paddeln raus und konnten uns der Natur widmen. Und tatsächlich, wir hatten Glück, zu Ende des zweistündigen Trails, sahen wir vor uns eine gigantische, graue Masse prustend auftauchen. Eine Seekuh, die unentschlossen in unsere Richtung peilt und anscheinend überlegt, näher zu kommen. Sie entscheidet sich leider fürs abtauchen, während gleichzeitig Schwärme von Moskitos überlegten, aufzutauchen. Ruder greifen, Flucht ergreifen, alles eine fließende Bewegung ... mit maximaler Schlagzahl steuern wir auf das rettende Ufer zu.

Wenn zu Hause die Sonne wieder einmal in die unverdiente Winterpause geht. Wenn in Floridas Süden Schweißperlen die einzigen zu erwartenden Niederschläge sind. Dann ist die beste Zeit gekommen. Seit vier Tagen bin ich jetzt wieder in Miami, dem Mekka sportlich-gestählter Sonnenanbeter. Hier sieht sogar der gemeine Passant im Durchschnitt besser aus, als Besucher und Einheimische andernorts. Pool der genetisch Gesegneten? Epizentrum gewandter Chirurgenskalpelle? Sicherlich von beidem nicht zu wenig. Vieles jedoch ist Ausdruck harter Arbeit – zwischen Ocean Drive und Lincoln Road, zwischen 1. und 23. Straße wird ein hartes Fitnessregiment geführt. Jemanden zu finden, der nicht kilometerlang über den Strand joggt oder über die durch kleine Brücken verbundenen Inseln skatet oder radelt, ist ebenso selten, wie zwei Regentage hintereinander. Das mit dem Wetter ist nicht neu, das mit dem ausgeprägten Körperbewusstsein schon: Noch vor 20 Jahren war “Amerikas Riviera“ die geriatrische Endstation Sehnsucht – im einstmals so titulierten “Wartesaal Gottes“ residierten Amerikas Rentner und harrten dem letzten Sonnenuntergang. Heute ist SoBe (South Beach), wie die Eingeborenen den südlichen Zipfel von Miami Beach getauft haben, ein hedonistischer Tummelplatz äußerlich fröhlicher Leute, deren Hauptproblemzone des Lebens sich tatsächlich auf den tadellosen Zustand von Bauch, Beine, Po zu beschränken scheint.

Ich bringe Teile davon sofort in Schwung. Meine Reisetasche hat es gerade noch bis an die Rezeption vom Leon, einem dieser kleinen, charmanten Boutique-Hotels auf der Collins Avenue, geschafft, da renne ich auch schon den Strand entlang. Der ist zwar überall gleich, nur wer auf ihm liegt, das variiert. Auf der Höhe Ocean Drive und 12. Straße zum Beispiel lustwandeln die Herrschaften, die mehr für ihresgleichen übrig haben. Am Strandabschnitt Collins Avenue zwischen 16. und 20. Straße besetzt ein eher besser betuchtes Volk teure Badelaken, schließlich findet der Strand hier vor dem Delano, dem National und dem Shore Club statt, Art déco Herbergen der mondänen Art. Nach spätestens drei Tagen weiß man, wo man selbst liegen mag – ich mag den Abschnitt zwischen 2. und 3. Straße am liebsten. Hier sonnt eine fröhliche Melange aus Einheimischen und Touristen, jung und nicht mehr ganz so jung, Models und Surfern – letztere dümpeln oft stundenlang im badewannenwarmen Wasser, um irgendwann triumphierend eine Welle abzureiten, die höher als 50 Zentimeter ist. Miami ist viel, ein Surfparadies ist es nicht.

Dafür aber eine Oase der Gyms und Spas. Unumstrittene Nummer 1 unter den Fitnesstempeln: Das Crunch. Hier habe ich dann am zweiten Tag den Muskelkater bezahlt – der Tagespass, der zur Teilnahme an alles Kursen berechtigt kostet $21 Dollar - der für die nächste Woche mein Dauerbegleiter werden sollte. Dabei hatte Donna mich vorgewarnt. Donna Cyrus ist seit Jahren die Spürnase für neue Crunch-Kurse, erfindet sich und damit den Trend immer wieder neu. Nach ihrem Kurs hüpft und schwitzt man nicht nur am Beach, sondern auch in Fitnesshochburgen wie L.A. oder Manhattan. Sie kennt mich und wenn sie sagt, lass das mal besser mit der Cardiocut FX Klasse, dann sollte ich eigentlich auf sie hören. Aber was sind meine Alternativen? Bei Cardio Striptease, Hip-Hop Cowgirl oder Dodgeball 101 – letzterer eine aufgepeppte Version des bereiften Völkerballs, konnte ich mich nun wirklich nicht sehen. Donna übrigens auch nicht. Also rein in Cardiocut FX ... und nach einer Stunde wieder raus. Beziehungsweise das, was von mir übrig blieb. Die eigentlich 2 Kilo leichten Hanteln hängen tonnenschwer an meinen Armen, der Puls reicht für zwei, der Kopf ist feuermelderrot und die Muskeln ... ich glaube, die haben es nicht mehr nach draußen geschafft. Ich aber bin total geschafft, doch auch stolz, durchgehalten zu haben, dieses Non-Stop Konditionstraining aus Ausfallschritten, Sprüngen und Dehnübungen findet auch noch die letzte überflüssige Kalorie und verbrennt sie. Vom Trainer, der Fitness-Ikone Philip Grey gibt es dazu noch ein aufmunterndes Lächeln – der Mann ist so fit, der muss hinterher nicht einmal duschen. Beim Rausgehen verrät Donna mir noch, was die Crunch Jünger im nächsten Jahr erwartet:„Es wird alles schlichter, weg von den Gewichten und Maschinen hin zu mehr Spaß. Aber ...”, verkündet sie und hebt den Zeigefinger, “Spaß mit Resultat“. Deshalb gibt es demnächst Kurse, in denen der Berg ruft. Wie Inner Everest Hyper Fitness, der wird von einem erprobten Bergsteiger geleitet, anschließend können und wollen die Teilnehmer tatsächlich zum Himalaya aufbrechen und die Probe aufs Exempel machen.

Ich hingegen breche auf in Richtung Ocean Drive - Miami Beach ist die Stadt der kurzen Wege, alles ist bequem zu Fuß zu erreichen. An der Ecke 8. Straße findet sich eines der Fossile der Gastro-Szene. Das legendäre News Café. Hier bleibe ich auf einen Eistee. Schräg davor, durch die Palmen hindurch, die den kleinen Park zwischen den flachen Dünen und der Straße säumen, baggert und pritscht sich die lokale Beach-Volleyball Szene in der Abendsonne den Ball um die Ohren. Für mich reicht es heute nur noch zum Zuschauen. Danach, zurück ins Hotel und ... kopfüber in die Nacht. Nightlife und wie und wo es stattfindet, das ist hier wie mit der Mode – es wechselt ständig. Eine Konstante aber behauptet sich seit einigen Jahren auf dem Laufsteg der Eitelkeiten: Das Segafredo, eigentlich nicht viel mehr als ein liebevoll inszeniertes Durcheinander von Stühlen am Ende der Lincoln Road. Doch genau hier macht die Karawane der Schönen halt, kommt ein wenig zur Ruhe, genießt die großzügig geschenkten Cocktails und blickt gelassen auf den quirligen Menschenauflauf, der links und rechts vorbeizieht. Ich plaudere kurz mit Sergio, Segafredos gute Seele, ein wieselflinker, kleiner Italiener, der mir in Windeseile noch einen Platz auf der Freilichtbühne und einen riesigen Cuba Libre organisiert. Sergio raunt mir noch zu, dass ich mir später noch das Onda ansehen soll, eine neue Lounge auf der Washington Avenue und 12. Straße. Ein prima Tipp, wie sich später heraus stellt, endlich einmal ein Laden, der ohne wummernde Musik auskommt. Jedenfalls, sofern man früh genug kommt.

Früh geht es am nächsten Morgen weiter. Ich habe mir ein Fahrrad organisiert, nicht eines dieser typischen Beach-Cruiser, sondern eher eine Mischung zwischen Mountainbike und Rennrad. Schließlich liegt einiges an Strecke vor mir – der Crandon Park, so will es die Karte, ist gute 20 Kilometer entfernt, in Key Biscayne. Der Weg dahin führt über den Venetian Causeway, eigentlich mehr Brücke als Straße, denn er verbindet eine Gruppe künstlicher Inseln mit dem Festland. Hier sind die Besserverdienenden zu Hause, haben sich inklusive Bootsanleger und Yacht prachtvolle Villen in den verschiedensten Baustilen direkt ans Wasser gesetzt. Vorbei an Downtown und seinen Glaspalästen biege ich auf die Brickell Avenue und anschließend, inmitten eines Pulks von Skatern, Joggern und anderen Bikern, die alle das gleiche Ziel haben, auf den Rickenbacker Causeway, der fast schnurgerade Richtung Key Biscayne geht. Crandon Park war schon immer die Adresse für den besseren, den ruhigeren, den breiteren Strand, heute ist er auch noch die Startbahn für die immer größer werdende Gemeinde der Kitesurfer. Hier hält mein alter Freund Oliver die Fäden in der Hand, zumindest die von seinem Drachen. Sieht man ihm bei der Arbeit zu – er ist auch noch Kitesurf-Lehrer – dann fragt man sich allerdings, wer hier wen steuert. Für Sekunden scheint er in der Luft zu stehen, Brett und Drachen sogar noch ein wenig darüber. Er hat sogar noch Zeit für ein freches Grinsen, dann hat ihn die Schwerkraft wieder und er plumpst 10 Meter abwärts in das azurblaue Meer. Kaum eingetaucht, hebt er auch schon wieder ab. Zusammen mit einer ganzen Armada von Flugdrachen, die durch die heiße Luft saust. Wie gut in Form muss man eigentlich sein, damit einem die (Luft) nicht ausgeht? Ich versuche mein Glück, doch nachdem ich nach einigen Geh- beziehungsweise Flugversuchen nur mit viel Glück nicht an einer Palme hängen blieb, breche nicht ich, sondern Oliver das erste Trockentraining ab. Zuviel Wind, sagt er und grinst. Ich weiß nicht, ob er mehr Angst um mich oder um seinen Drachen hat.

Oliver und ich sehen uns nicht so oft. Aber wenn wir uns sehen, dann wird eines immer offenkundiger – er wird immer jünger, ich immer älter. Wie macht er das? Neben viel Sport, der Mann gibt auch noch den Tennistrainer, kommt bestimmt nur Gesundes auf den Tisch. Oder? Er hält es da, wie der Rest der großen Fitness-Gemeinde: Low carbs. Wenig Kohlenhydrate, die Ernährungsfibel „The South Beach Diet“ verkauft sich mit dieser Formel wie geschnitten Brot. Wer es damit Ernst meint, der lässt so sympathische Gasthäuser wie den 11th Street Diner – sensationelle Kalorienbomben im XXL-Format – links liegen und marschiert direkt ins Wild Oats. Amerikas Antwort auf unser Reformhaus - in Ikea Dimension. Hier gibt es feinste Salate, leckeres Sushi und köstliches vegetarisches Chili, alles streng organisch natürlich. Hier sitzt auch das Ehepaar Estefan und frönt einem der vielen Energy-Drinks. Guarana, Ginseng und das nicht unumstrittene L-Carnitin sind derzeit „flavor of the month.“ Ich belasse es bei einer großen Tüte Obst.

Kein Floridatrip ist komplett ohne einen kleinen Abstecher in die Everglades. Ich steuere den Mietwagen Kurs Key West. Auf halber Strecke bei Florida City liegt, längst abseits vom touristischen Airboat-Rummel, ein Abzweiger in den Everglades National Park. Schnell sind links und rechts die letzte Überreste der Zivilisation verschwunden, eine Moorlandschaft, aus dem ab und zu ein einsamer Baum wie ein stummer Vorwurf ragt, fliegt am Auto vorbei. Am Ende der 60 Kilometer langen Strecke warten eine Tankstelle und eine kleine Hafenanlage namens Flamingo. Und dort ist wirklich Endstation, dort plumpst Florida sanft in den Golf von Mexiko. Wasser, wohin man schaut, ich lasse die Kanus diesmal links liegen und spendiere mir eine Fahrt auf Capt. Jims „Pelican“. Ich hätte auch ein anderes dieser typischen Ausflugsboote nehmen können, die träge in der Marina vor sich her dümpeln, aber der kauzige Jim verspricht Delfine und Krokodile. Mit etwas Glück ... aber ich glaube, das mit dem Glück, das sagte er erst hinterher. Immerhin bekam ich ein paar Schildkröten zu sehen und erfuhr etwas Wissenswertes über Moskitos. Von denen gibt es 43 verschiedene Arten im Park, davon nur 13 bissige. Ich schaue auf meine zerstochenen Waden, vermag aber nicht zu erkennen, wie viele unterschiedliche Spezies sich dort ausgetobt haben, die Biester sind einfach zu klein. Ach ja, und dann klärt er mich noch darüber auf, dass Flamingo eigentlich eine Mogelpackung ist, es gibt reichlich Flora und Fauna, nur ... Flamingos, die gibt es nicht. Wo es denn welche gäbe, will ich wissen. Auf der Pferderennbahn in Hialeah in Miami, kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. Oder im Zoo. Ach so ...

Auf dem Rückweg mache ich einen Pit-Stop in Coral Gables, denn dort, in diesem idyllischen Villenviertel liegt ganz versteckt mein ganz persönliches Ermüdungsbecken - ein Schwimmbad besonderer Art. Der über 80 jährige Venetian Pool. Der Name ist durchaus Programm, architektonisch erinnert hier alles an den venezianischen Lido. Ich lasse mich ins glasklare Nass - Quellwasser wohlgemerkt - fallen und sehe in Gedanken neben mir Badenixe Esther Williams auftauchen – die hier übrigens früher, zusammen mit Jonny „Tarzan“ Weißmüller, wirklich schwamm, und das sogar zu den Live-Klängen eines klassischen Orchesters. Heute kommt die Musik zwar aus Boxen, doch mit geschlossenen Augen und ein wenig Fantasie schwimmt es sich ganz leicht zurück in die Zeit der 20er Jahre mit seinen Soirees und Cocktail Parties am Poolrand. Wenn jetzt noch der blöde Muskelkater abklingt. Wenigstens bis Ende März. Denn dann jährt sich das Miami Fitness Festival zum siebten Mal. Das Motto frei nach Olivia Newton John: “Let`s get physical“: Ob Spinning, Free Climbing an künstlichen Wänden, oder einer Runde Sparring im Boxring mit Profiboxern, hier kann sich jeder nach Herzenslust austoben. Und bis zu 50.000 tobten beim letzten Mal. Ob ich mich da zeigen sollte? Ich denke schon, fit genug bin ja jetzt.