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Das Sylt der Südhalbkugel (Welt am Sonntag 4/2005)
Weite Strände, Wanderdünen, Jet-set: Uruguays Küste rund um Punta del Este hat viel mit Deutschlands Nobelinsel gemein. Das Wetter ist allerdings besser.
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Heute ist Sylt. Kampen auf südlicher Halbkugel. Es weht. Sonnenschirme, Badelaken, die hochtoupierten Frisuren der Schickeria-Elfen, alles fliegt davon und sogar Dünen machen das, was sie sonst wohl nur heimlich tun: Sie wandern. Noch schneller am Wandern sind die Gäste, die schleunigst den ungeordneten Rückzug vom Strand antreten, denn das was aus südöstlicher Richtung heranstürmt, macht dem Blanken Hans alle Ehre. Vielleicht mit dem Unterschied, dass der nicht Temperaturen von 25 Grad mitbläst. Etwas ratlos blickt der Parkwächter auf den Exodus seines Klientels, auf die Frage ob es denn immer so windet, in Jose Ignacio, schüttelt er den Kopf. „Una brisa, a veces – manchmal eine kleine Brise“. Sonst geht es besinnlich zu, jedenfalls an Wetterfront. Und eigentlich auch sonst wo ... alles tranquilo. Bis auf die Zeit zwischen Ende Dezember und Mitte Februar, da wappnet sich dieses kleine, idyllische und mittlerweile ehemalige Fischerdörfchen gegen den Sturm Badewilliger und Sonnenhungriger. Oder für, schließlich bringen diejenigen, die bleiben, etwas, was die Dörfler den Rest des Jahres prima überstehen lässt: Bares. Genug, weil so mancher nicht nur stramme 15.000 Dollar verlangen kann, sondern sie auch bekommt – für vier Wochen Miete eines dieser reetgedeckten Häuser.

Wenn Jose Ignacio Kampen ist, dann ist Punta del Este Westerland. Doch anders als sein deutsches Pendant, wird Uruguays Touristenhochburg geradezu zwanghaft angesteuert. Wenn im Hochsommer in der argentinischen Kapitale der Asphalt kocht, dann schwärmen die Porteños, die Einwohner Buenos Aires ans Meer, solche mit schmalem Portemonnaie an heimische Gestade und jene, bei denen Geld keine Rolle spielt, nach Punta. Dazu gesellt sich dann noch finanzkräftiger Besuch vom Rest des Kontinents. Dass nun auch der reisewütige Deutsche die High Society Bastion für sich entdeckt, hat einen Grund: Es ist günstiger als Sylt, jedenfalls wenn man sich nicht gerade besagte Häuser in Jose Ignacio versteift.

Wer zum ersten Mal nach Punta kommt – „Punta“, bitte, „del Este“ sagt sowieso kaum ein Mensch - der darf enttäuscht sein. Denn sie weicht schlagartig, die Illusion von Palmenstränden, Millionärsdomizilen und Hundertschaften schönster Bikinischönheiten. Stattdessen steht eine Phalanx schmuckloser 70er Jahre Apartment-Hochhäuser Spalier, stumme, architektonische Vorwürfe an ihre Erbauer, die es verpassten, ihnen ein Gesicht zu geben und die nun den Neuankömmling Willkommen heißt, der sich auf der Ruta 10 aus dem etwas höher gelegen Punta Balena herangefahren hat. Ähnlichkeiten mit Tel Aviv oder Miami Beach sind wirklich nur zufällig? Doch schon nach wenigen Stunden hat man sich versöhnt, man verzeiht Punta die Patina, man schenkt dem Architekturfrevel ein Lächeln. denn inzwischen ist entdeckt, was den Charme dieses 15.000 Seelen Städtchen (das in der Saison auf 250.000 anschwillt!) ausmacht, lange kann die kleine, auf den „Punta“ zustrebende Halbinsel ihre Schätze sowieso nicht verbergen. Am Punta, da treffen sich „La Brava“ ... die Raue ... und „La Mansa“ ... die Milde. Der Punkt, um das einmal fern jeder Poesie zu beschreiben, an dem der fast auf unendliche Breite angeschwollenen Rio de la Plata endgültig den Kampf gegen den Atlantik verliert. Ganz in die Nähe dieses Treffens pflanzten die Stadtväter einst ihren Leuchtturm und befanden, dass in unmittelbarer Nähe gefälligst nicht höher gebaut wird. Daran wurde sich gehalten und so zeichnet sich das alte Punta aus durch ein schachbrettartiges Straßensystem, an deren Enden und Kanten schrullige, kleinwüchsige Casas wie zufällig hingeworfen stehen. Nach links und rechts beginnt der großzügige Dünenstrand sich auszubreiten, unterbrochen mal durch Felsen, mal durch eine Marina, und irgendwann tauchen dann auch die vermissten Villen und Mädchen auf.

Sie, die Villen, ihr Stil, sie spiegeln die Chronik Puntas wider. Einst, zu der Zeit, als Uruguay ungefragt den Stempel „Schweiz Südamerikas“ aufgedrückt bekam, verhalfen die reichen Viehbarone dem Badeort auf die Füße. Sie begannen zu bauen, mondäne Palais, extravagante Landhäuser, pompöse Casinos, ihr Geld lockte mehr Geld, aber auch Künstler, Prominenz aus Showbiz und Sport. Punta, Uruguays Perle wurde exklusiv. Wer in den späten 70er und frühen 80er nicht im Parada 2 (Sylts Antwort wäre Buhne 16 gewesen) im El Mejillón oder im Le Club in La Barra dabei war, der war nicht dabei. Jedenfalls nicht, als ein internationaler Jet Set illusterer Gäste vom späten Sammy Davis Jr. bis zum frühen John Travolta die Nächte zum Tag machte. Diese Tage allerdings sind vorbei, Punta hat sich umgezogen, das Nachtleben hat sich atomisiert, die Prominenz ist nun überall und nirgends. Die Exklusivität, sie ging, doch die Attraktivität, die blieb, denn die Vergnügungszonen, sie haben sich verbreitert. La Barra, früher eigentlich eher eine Künstleroase, ist nun Epizentrum der Party-Karawane. Vielleicht ließ deshalb hier ein bekannter Stuttgarter Autobauer seinen ersten „Mercedes-Benz Spot“ Südamerikas aufstellen, in gediegener Atmosphäre loungt man bei Sushi und Cocktails zwischen Mode, Design und der aktuellen A-Klasse. Doch in der Mitte all des hektischen Treibens finden sich auch die ruhigen Momente – kaum verlässt man eine der wuchernden Ferienhorte, wird der Strand nicht nur schöner und breiter, sondern auch menschenleer. Wer es lieber so mag, der lässt auch einen Besuch auf Isla de Lobos nicht aus. 9 Kilometer von Punta del Este mit dem Boot, schon ist das felsige Eiland erreicht. Dort faulenzen 200.000 Gäste im Dauerurlaub, es ist die größte Kolonie des Kontinents von allem, was mit See- anfängt: Hunde, Löwen, Elefanten. Und die bleiben auch bei Sturm ...


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