Heute ist Sylt. Kampen auf südlicher
Halbkugel. Es weht. Sonnenschirme, Badelaken,
die hochtoupierten Frisuren der Schickeria-Elfen, alles
fliegt davon und sogar Dünen machen das, was sie
sonst wohl nur heimlich tun: Sie wandern. Noch schneller
am Wandern sind die Gäste, die schleunigst den
ungeordneten Rückzug vom Strand antreten, denn
das was aus südöstlicher Richtung heranstürmt,
macht dem Blanken Hans alle Ehre. Vielleicht mit dem
Unterschied, dass der nicht Temperaturen von 25 Grad
mitbläst. Etwas ratlos blickt der Parkwächter
auf den Exodus seines Klientels, auf die Frage ob es
denn immer so windet, in Jose Ignacio, schüttelt
er den Kopf. „Una brisa, a veces – manchmal
eine kleine Brise“. Sonst geht es besinnlich zu,
jedenfalls an Wetterfront. Und eigentlich auch sonst
wo ... alles tranquilo. Bis auf die Zeit zwischen Ende
Dezember und Mitte Februar, da wappnet sich dieses kleine,
idyllische und mittlerweile ehemalige Fischerdörfchen
gegen den Sturm Badewilliger und Sonnenhungriger. Oder
für, schließlich bringen diejenigen, die
bleiben, etwas, was die Dörfler den Rest des Jahres
prima überstehen lässt: Bares. Genug, weil
so mancher nicht nur stramme 15.000 Dollar verlangen
kann, sondern sie auch bekommt – für vier
Wochen Miete eines dieser reetgedeckten Häuser.
Wenn Jose Ignacio Kampen ist, dann ist Punta del Este
Westerland. Doch anders als sein deutsches Pendant,
wird Uruguays Touristenhochburg geradezu zwanghaft angesteuert.
Wenn im Hochsommer in der argentinischen Kapitale der
Asphalt kocht, dann schwärmen die Porteños,
die Einwohner Buenos Aires ans Meer, solche mit schmalem
Portemonnaie an heimische Gestade und jene, bei denen
Geld keine Rolle spielt, nach Punta. Dazu gesellt sich
dann noch finanzkräftiger Besuch vom Rest des Kontinents.
Dass nun auch der reisewütige Deutsche die High
Society Bastion für sich entdeckt, hat einen Grund:
Es ist günstiger als Sylt, jedenfalls wenn man
sich nicht gerade besagte Häuser in Jose Ignacio
versteift.
Wer zum ersten Mal nach Punta kommt – „Punta“,
bitte, „del Este“ sagt sowieso kaum ein
Mensch - der darf enttäuscht sein. Denn sie weicht
schlagartig, die Illusion von Palmenstränden, Millionärsdomizilen
und Hundertschaften schönster Bikinischönheiten.
Stattdessen steht eine Phalanx schmuckloser 70er Jahre
Apartment-Hochhäuser Spalier, stumme, architektonische
Vorwürfe an ihre Erbauer, die es verpassten, ihnen
ein Gesicht zu geben und die nun den Neuankömmling
Willkommen heißt, der sich auf der Ruta 10 aus
dem etwas höher gelegen Punta Balena herangefahren
hat. Ähnlichkeiten mit Tel Aviv oder Miami Beach
sind wirklich nur zufällig? Doch schon nach wenigen
Stunden hat man sich versöhnt, man verzeiht Punta
die Patina, man schenkt dem Architekturfrevel ein Lächeln.
denn inzwischen ist entdeckt, was den Charme dieses
15.000 Seelen Städtchen (das in der Saison auf
250.000 anschwillt!) ausmacht, lange kann die kleine,
auf den „Punta“ zustrebende Halbinsel ihre
Schätze sowieso nicht verbergen. Am Punta, da treffen
sich „La Brava“ ... die Raue ... und „La
Mansa“ ... die Milde. Der Punkt, um das einmal
fern jeder Poesie zu beschreiben, an dem der fast auf
unendliche Breite angeschwollenen Rio de la Plata endgültig
den Kampf gegen den Atlantik verliert. Ganz in die Nähe
dieses Treffens pflanzten die Stadtväter einst
ihren Leuchtturm und befanden, dass in unmittelbarer
Nähe gefälligst nicht höher gebaut wird.
Daran wurde sich gehalten und so zeichnet sich das alte
Punta aus durch ein schachbrettartiges Straßensystem,
an deren Enden und Kanten schrullige, kleinwüchsige
Casas wie zufällig hingeworfen stehen. Nach links
und rechts beginnt der großzügige Dünenstrand
sich auszubreiten, unterbrochen mal durch Felsen, mal
durch eine Marina, und irgendwann tauchen dann auch
die vermissten Villen und Mädchen auf.
Sie, die Villen, ihr Stil, sie spiegeln die Chronik
Puntas wider. Einst, zu der Zeit, als Uruguay ungefragt
den Stempel „Schweiz Südamerikas“ aufgedrückt
bekam, verhalfen die reichen Viehbarone dem Badeort
auf die Füße. Sie begannen zu bauen, mondäne
Palais, extravagante Landhäuser, pompöse Casinos,
ihr Geld lockte mehr Geld, aber auch Künstler,
Prominenz aus Showbiz und Sport. Punta, Uruguays Perle
wurde exklusiv. Wer in den späten 70er und frühen
80er nicht im Parada 2 (Sylts Antwort wäre Buhne
16 gewesen) im El Mejillón oder im Le Club in
La Barra dabei war, der war nicht dabei. Jedenfalls
nicht, als ein internationaler Jet Set illusterer Gäste
vom späten Sammy Davis Jr. bis zum frühen
John Travolta die Nächte zum Tag machte. Diese
Tage allerdings sind vorbei, Punta hat sich umgezogen,
das Nachtleben hat sich atomisiert, die Prominenz ist
nun überall und nirgends. Die Exklusivität,
sie ging, doch die Attraktivität, die blieb, denn
die Vergnügungszonen, sie haben sich verbreitert.
La Barra, früher eigentlich eher eine Künstleroase,
ist nun Epizentrum der Party-Karawane. Vielleicht ließ
deshalb hier ein bekannter Stuttgarter Autobauer seinen
ersten „Mercedes-Benz Spot“ Südamerikas
aufstellen, in gediegener Atmosphäre loungt man
bei Sushi und Cocktails zwischen Mode, Design und der
aktuellen A-Klasse. Doch in der Mitte all des hektischen
Treibens finden sich auch die ruhigen Momente –
kaum verlässt man eine der wuchernden Ferienhorte,
wird der Strand nicht nur schöner und breiter,
sondern auch menschenleer. Wer es lieber so mag, der
lässt auch einen Besuch auf Isla de Lobos nicht
aus. 9 Kilometer von Punta del Este mit dem Boot, schon
ist das felsige Eiland erreicht. Dort faulenzen 200.000
Gäste im Dauerurlaub, es ist die größte
Kolonie des Kontinents von allem, was mit See- anfängt:
Hunde, Löwen, Elefanten. Und die bleiben auch bei
Sturm ...
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