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Eine luxuriöse Robinsonade
(Foreign Affairs 1/2003)

115 Inseln zählen die Seychellen. North Island gehörte bisher nicht zu den bekannteren. Das wird sich ändern. Ein Resort der Extraklasse steht vor seiner Eröffnung. Sechs Sterne. Fünf für die Anlage und einen ganz dicken für die einzigartige Fusion aus Luxus und Umweltbewusstsein.
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Brutus hat seine Reisegeschwindigkeit erreicht. Mit behäbigen 2 Kilometer pro Woche, vorsichtig geschätzt, stapft der alte Herr durchs Unterholz. Manche mögen meinen, dass bei einem solchen Tempo nichts als die Langsamkeit zu entdecken ist. Vielleicht. Brutus ficht das nicht an. Er hat Zeit. Er zählt, vorsichtig geschätzt, 150 Lenze und ist damit im besten Alter. Im besten Riesenschildkrötenalter. Und er entdeckt immer wieder Neues. Zum Beispiel, das seiner Wahlheimat seit fünf Jahren hektische Betriebsamkeit herrscht. Mit der Robinsonade ist es einstweilen vorbei. North Island hat sich umgezogen und tritt jetzt an, zu beweisen, dass sie den Vorschusslorbeeren gerecht wird. Schließlich wird das Projekt “Five Star Resort“ schon seit langem in den Tourismuszirkeln gehypt. Brutus und Artverwandte muss das nicht stören. Im Gegenteil. Anderswo verdrängt der Tourismus die Natur, hier soll der Spagat zwischen Kommerz und Umweltbewusstsein ein gelungener sein. North Island und seine Betreiber versuchen, den Begriff einer Luxus-Eco Lodge neu zu definieren. Und wenn dabei noch en passant unmittelbarer Konkurrenz wie Frégate oder Cousine Island der Rang abgelaufen wird, umso besser. Während dort der Lack langsam wieder abblättert, ist er hier noch gar nicht richtig trocken.

Jedenfalls nicht zu der Zeit, als wir der Insel einen ersten Besuch abstatteten. Als uns die Einladung ins Haus flatterte, noch während der Bauphase einmal hinter die Kulissen zu blicken, widerstanden wir nicht. Im Dezember vergangenen Jahres war es soweit. Die neunstündige Anreise mit Air Seychelles verging wie im Fluge. Der anschließende Transfer von der Hauptinsel Mahé via Boot auf das gut 30 Kilometer entfernte Eiland eher nicht. Hohe Dünung, eigentlich eher untypisch für die Seychellen, sorgte für eine etwas ruppige Überfahrt. Souverän wurde die Frage pariert, wie wohl zahlungskräftigeres Klientel reagiert, wenn Koffer und Mageninhalt in beängstigender Harmonie über die Wellen hüpfen: Gar nicht, die meisten reisen mit dem Helikopter an. Ach so. Eine gute Dreiviertelstunde später konnte man nicht nur die Konturen von North Island ausmachen, man sah auch Details. Schroffe Granitfelsen, von Kokospalmen übersät, die jäh ins Meer stürzen. Daran anschließend, fast übergangslos, einen schneeweißen Saum, eingerahmt an seinem Ende von weiteren Granitblöcken. Was man nicht sah, war ein Hafen. Oder wenigstens eine Pier. Ein Dock. Es gibt nichts dergleichen. Natur pur. Zeichen menschlicher Ansiedlung offenbaren sich erst, wenn man fast mit der Nase drauf stößt. Versteckt, hinter einem weiteren Baumkorridor aus Palmen und ??? Vorher aber bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was die Insel-Crew “Barefoot Luxury Robinson Crusoe“ getauft hat. Zunächst minus dem Luxus wohlgemerkt. Das Boot schafft es nämlich nicht ganz bis zum rettenden Ufer. Also heißt es, barfuss über Bord und durch den hüfthohen Wellengang an den Strand waten. Wie einst der Schiffbrüchige aus dem Dafoe-Roman. Minus der teuren Kamera und dem Rollkoffer. Willkommen auf North Island.

Der Name dieses kleinen Paradieses hat übrigens nichts mit der Himmelsrichtung zu tun. Eine Künstlerin namens Marian North stand Pate für die knapp 210 Hektar große tropische Spielwiese. Und auch wenn der Begriff “Wiese“ an dieser Stelle etwas irreführend wirkt, ganz falsch ist er nicht. Seit ihrer Entdeckung vor knapp 400 Jahren machte die Insel Karriere als Kokosnuss- und Guanoproduzentin und diente auch kurzfristig als Weideland für rund 60 Rinder und Schweine. North Island gehört zu den inneren Granit-Inseln der Seychellen. Drei von diesen weltweit einzigartigen Granitformationen turnen bis zu 180 Meter über dem 1 Kilometer breiten und 2.5 Kilometer langen Areal. Drei Strände mit knöcheltiefen Pulversand und tropischer Vegetation im Inselinneren runden das Robinson-Ambiente ab. Robinson auch deshalb, weil die Insel in den letzten 30 Jahren nur noch einen einzigen Bewohner zählte.

Als die Insel vor fünf Jahren zum Verkauf stand, griff Wilderness Safari aus Südafrika zu. Die Gruppe hatte sich mit Lodges wie dem Mombo and Jao Camps in Botswana und der Ngorongoro Crater Lodge in Tansania einen Namen gemacht. Deren Credo: sanfter Tourismus, die Luxus-Unterbringung und ökologisches Bewusstsein zu einer harmonischen Einheit verschmolz. Gleiches soll jetzt auch für North Island gelten. Das “Noah`s Ark“ Programm hat sich zum Ziel gesetzt, auf der Insel Bedingungen zu schaffen, die schlussendlich einen Zustand für Flora und Fauna herbeiführen, wie er vor seiner Besiedelung herrschte. Der Gast leistet dazu nicht nur seinen finanziellen Beitrag, er wird geradezu animiert, sich aktiv mit dem Resozialisierungsprogramm auseinanderzusetzen. Alle Aktivitäten der Umweltschützer können besichtigt und begleitet werden. Markieren von Schildkröten, Pflanzen von Setzlingen einheimischer Bäume oder ornithologische Exkursionen – für den Hobby-Ökologen ist der Tisch gedeckt.

All das bedeutet nicht, dass der gemeine Tourist im Jutezelt campiert und am Lagerfeuer einen Fisch grillt. Die fünf Sterne haben nicht nur ihre Berechtigung, sondern auch ihren Preis. Und der ist hoch. Relativ jedenfalls. Oder? Eine Übernachtung für zwei Personen in einer der 11 Villen kostet 4 Euro. Also doch nicht hoch? 4 Euro pro Quadratmeter. Weil aber eine einzige Villa über stolze 450 (!) solcher Quadratmeter gebietet, ist der Preis ... entscheiden Sie selbst! Eine Nacht im Paradies macht also 1800 Euro. Sie garantiert aber auch ein Wohnerlebnis, das seinesgleichen sucht. Weltweit. Das Architekten- und Designduo Silvio Rech und Leslie Carstens hat es an nichts fehlen lassen - außer am Kompass, um sich in der großzügig portionierten Wohnanlage wieder zu finden: Fließende Übergänge von den klimatisierten Schlafzimmern hin zur Nass- und Sonnendeckdomäne, eine Melange aus fast behäbig wirkenden Möbeln und bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Holzschnitzereien und Steinhandwerk. Eine gleichermaßen balinesisch wie afrikanisch inspirierte Wohn- und Wohlfühlkultur lässt grüßen. ein Tauchbecken schmiegt sich an eine Sala – diese inseltypische Outdoor-Lounge unter einem Himmel aus Holz. Eine ... eine weitere Aufzählung würde den Rahmen sprengen, vieles kann und wird einer Beschreibung nicht gerecht, weil es erlebt werden muss. Wie die Dusche im Freien, geschützt durch einen Vorhang aus Korallen. Wie die überdimensionale Badewanne aus weißem Marmor. Alles ist bis ins letzte I-Tüpfelchen durchdacht und von einer Perfektion, die das rustikale Ambiente eher unterstützt, als torpediert. Erstaunlich. Allein die Holzträgerkonstruktion ist ein aus Not und Notwendigkeit geborener Geniestreich. Das Ökokonzept sieht vor, dass viele nicht native Bäume die Insel “verlassen“ müssen. Doch wohin mit ihnen? Anstatt das Holz einfach zu verfeuern, wurden die Stämme samt Wurzel gesandstrahlt, imprägniert und kopfüber als Wandträger umkonfektioniert.

Gibt es ein Leben abseits der feudalen Logis? Jede Menge sogar. Die Macher haben unter größten Anstrengungen einen Pool in die Felslandschaft integriert. Der Ausblick ist atemberaubend. Oberhalb der Badeanstalt werden Massagen, Body-Wraps und Facials verabreicht. Sie können sich in der tropischen Vegetation verlieren oder einfach nur in die Bibliothek pilgern, um dort altes Filmmaterial über das frühere Leben auf der Insel zu sichten. Erfahrene Tauchlehrer laden zum Unterwasserausflug in die vorgelagerten Korallenriffe, Seekajaks und Surfbretter befrieden den Sportsgeist. Am Strand auf der anderen Inselseite warten spektakuläre Sonnenuntergänge, eine Bar und eine weitere Sala – eine Lounge, die von den derzeitigen Insulanern nonchalant “Shag Hut“ getauft wurde, zu Deutsch “Fummelwiese“.

Im Mai will North Island ihre Pforten öffnen. Ob der Butler Ihnen bei der Bestellung eines “Sidecar“ ruckzuck einen Cognac Drink mischt oder aber einen Seitenwagen an Ihr Golfcart zu montieren versucht, weil er den Namen des Drinks nicht in der Mixgetränke-Fibel, sondern im Kfz-Ratgeber vermutet, können wir Ihnen nicht sagen. Genauso wenig, wie wir uns ein Urteil anmaßen dürfen, ob das Wasser im Pool oder der Portwein im Schwenker die richtige Temperatur haben, die Griffe der Masseure richtig sitzen oder das Zimmermädchen auch noch die allerletzte Ameise erlegt hat.

Probieren Sie es aus! Wenn Sie da sind, grüßen Sie Brutus von uns. Er ist leicht zu erkennen, einige übermütige Arbeiter haben ihm weiße Deckenfarbe auf den Panzer geschmiert. (Auch das wird ihn kaum stören. Geht alles gut, erlebt der rüstige Herr noch, wie seine Heimat in den Originalzustand zurückversetzt wird. Sie hätten dabei geholfen.)