Brutus hat seine Reisegeschwindigkeit
erreicht. Mit behäbigen 2 Kilometer pro
Woche, vorsichtig geschätzt, stapft der alte Herr
durchs Unterholz. Manche mögen meinen, dass bei
einem solchen Tempo nichts als die Langsamkeit zu entdecken
ist. Vielleicht. Brutus ficht das nicht an. Er hat Zeit.
Er zählt, vorsichtig geschätzt, 150 Lenze
und ist damit im besten Alter. Im besten Riesenschildkrötenalter.
Und er entdeckt immer wieder Neues. Zum Beispiel, das
seiner Wahlheimat seit fünf Jahren hektische Betriebsamkeit
herrscht. Mit der Robinsonade ist es einstweilen vorbei.
North Island hat sich umgezogen und tritt jetzt an,
zu beweisen, dass sie den Vorschusslorbeeren gerecht
wird. Schließlich wird das Projekt “Five
Star Resort“ schon seit langem in den Tourismuszirkeln
gehypt. Brutus und Artverwandte muss das nicht stören.
Im Gegenteil. Anderswo verdrängt der Tourismus
die Natur, hier soll der Spagat zwischen Kommerz und
Umweltbewusstsein ein gelungener sein. North Island
und seine Betreiber versuchen, den Begriff einer Luxus-Eco
Lodge neu zu definieren. Und wenn dabei noch en passant
unmittelbarer Konkurrenz wie Frégate oder Cousine
Island der Rang abgelaufen wird, umso besser. Während
dort der Lack langsam wieder abblättert, ist er
hier noch gar nicht richtig trocken.
Jedenfalls nicht zu der Zeit, als wir der Insel einen
ersten Besuch abstatteten. Als uns die Einladung ins
Haus flatterte, noch während der Bauphase einmal
hinter die Kulissen zu blicken, widerstanden wir nicht.
Im Dezember vergangenen Jahres war es soweit. Die neunstündige
Anreise mit Air Seychelles verging wie im Fluge. Der
anschließende Transfer von der Hauptinsel Mahé
via Boot auf das gut 30 Kilometer entfernte Eiland eher
nicht. Hohe Dünung, eigentlich eher untypisch für
die Seychellen, sorgte für eine etwas ruppige Überfahrt.
Souverän wurde die Frage pariert, wie wohl zahlungskräftigeres
Klientel reagiert, wenn Koffer und Mageninhalt in beängstigender
Harmonie über die Wellen hüpfen: Gar nicht,
die meisten reisen mit dem Helikopter an. Ach so. Eine
gute Dreiviertelstunde später konnte man nicht
nur die Konturen von North Island ausmachen, man sah
auch Details. Schroffe Granitfelsen, von Kokospalmen
übersät, die jäh ins Meer stürzen.
Daran anschließend, fast übergangslos, einen
schneeweißen Saum, eingerahmt an seinem Ende von
weiteren Granitblöcken. Was man nicht sah, war
ein Hafen. Oder wenigstens eine Pier. Ein Dock. Es gibt
nichts dergleichen. Natur pur. Zeichen menschlicher
Ansiedlung offenbaren sich erst, wenn man fast mit der
Nase drauf stößt. Versteckt, hinter einem
weiteren Baumkorridor aus Palmen und ??? Vorher aber
bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was die Insel-Crew
“Barefoot Luxury Robinson Crusoe“ getauft
hat. Zunächst minus dem Luxus wohlgemerkt. Das
Boot schafft es nämlich nicht ganz bis zum rettenden
Ufer. Also heißt es, barfuss über Bord und
durch den hüfthohen Wellengang an den Strand waten.
Wie einst der Schiffbrüchige aus dem Dafoe-Roman.
Minus der teuren Kamera und dem Rollkoffer. Willkommen
auf North Island.
Der Name dieses kleinen Paradieses hat übrigens
nichts mit der Himmelsrichtung zu tun. Eine Künstlerin
namens Marian North stand Pate für die knapp 210
Hektar große tropische Spielwiese. Und auch wenn
der Begriff “Wiese“ an dieser Stelle etwas
irreführend wirkt, ganz falsch ist er nicht. Seit
ihrer Entdeckung vor knapp 400 Jahren machte die Insel
Karriere als Kokosnuss- und Guanoproduzentin und diente
auch kurzfristig als Weideland für rund 60 Rinder
und Schweine. North Island gehört zu den inneren
Granit-Inseln der Seychellen. Drei von diesen weltweit
einzigartigen Granitformationen turnen bis zu 180 Meter
über dem 1 Kilometer breiten und 2.5 Kilometer
langen Areal. Drei Strände mit knöcheltiefen
Pulversand und tropischer Vegetation im Inselinneren
runden das Robinson-Ambiente ab. Robinson auch deshalb,
weil die Insel in den letzten 30 Jahren nur noch einen
einzigen Bewohner zählte.
Als die Insel vor fünf Jahren zum Verkauf stand,
griff Wilderness Safari aus Südafrika zu. Die Gruppe
hatte sich mit Lodges wie dem Mombo and Jao Camps in
Botswana und der Ngorongoro Crater Lodge in Tansania
einen Namen gemacht. Deren Credo: sanfter Tourismus,
die Luxus-Unterbringung und ökologisches Bewusstsein
zu einer harmonischen Einheit verschmolz. Gleiches soll
jetzt auch für North Island gelten. Das “Noah`s
Ark“ Programm hat sich zum Ziel gesetzt, auf der
Insel Bedingungen zu schaffen, die schlussendlich einen
Zustand für Flora und Fauna herbeiführen,
wie er vor seiner Besiedelung herrschte. Der Gast leistet
dazu nicht nur seinen finanziellen Beitrag, er wird
geradezu animiert, sich aktiv mit dem Resozialisierungsprogramm
auseinanderzusetzen. Alle Aktivitäten der Umweltschützer
können besichtigt und begleitet werden. Markieren
von Schildkröten, Pflanzen von Setzlingen einheimischer
Bäume oder ornithologische Exkursionen –
für den Hobby-Ökologen ist der Tisch gedeckt.
All das bedeutet nicht, dass der gemeine Tourist im
Jutezelt campiert und am Lagerfeuer einen Fisch grillt.
Die fünf Sterne haben nicht nur ihre Berechtigung,
sondern auch ihren Preis. Und der ist hoch. Relativ
jedenfalls. Oder? Eine Übernachtung für zwei
Personen in einer der 11 Villen kostet 4 Euro. Also
doch nicht hoch? 4 Euro pro Quadratmeter. Weil aber
eine einzige Villa über stolze 450 (!) solcher
Quadratmeter gebietet, ist der Preis ... entscheiden
Sie selbst! Eine Nacht im Paradies macht also 1800 Euro.
Sie garantiert aber auch ein Wohnerlebnis, das seinesgleichen
sucht. Weltweit. Das Architekten- und Designduo Silvio
Rech und Leslie Carstens hat es an nichts fehlen lassen
- außer am Kompass, um sich in der großzügig
portionierten Wohnanlage wieder zu finden: Fließende
Übergänge von den klimatisierten Schlafzimmern
hin zur Nass- und Sonnendeckdomäne, eine Melange
aus fast behäbig wirkenden Möbeln und bis
ins kleinste Detail ausgearbeiteten Holzschnitzereien
und Steinhandwerk. Eine gleichermaßen balinesisch
wie afrikanisch inspirierte Wohn- und Wohlfühlkultur
lässt grüßen. ein Tauchbecken schmiegt
sich an eine Sala – diese inseltypische Outdoor-Lounge
unter einem Himmel aus Holz. Eine ... eine weitere Aufzählung
würde den Rahmen sprengen, vieles kann und wird
einer Beschreibung nicht gerecht, weil es erlebt werden
muss. Wie die Dusche im Freien, geschützt durch
einen Vorhang aus Korallen. Wie die überdimensionale
Badewanne aus weißem Marmor. Alles ist bis ins
letzte I-Tüpfelchen durchdacht und von einer Perfektion,
die das rustikale Ambiente eher unterstützt, als
torpediert. Erstaunlich. Allein die Holzträgerkonstruktion
ist ein aus Not und Notwendigkeit geborener Geniestreich.
Das Ökokonzept sieht vor, dass viele nicht native
Bäume die Insel “verlassen“ müssen.
Doch wohin mit ihnen? Anstatt das Holz einfach zu verfeuern,
wurden die Stämme samt Wurzel gesandstrahlt, imprägniert
und kopfüber als Wandträger umkonfektioniert.
Gibt es ein Leben abseits der feudalen Logis? Jede
Menge sogar. Die Macher haben unter größten
Anstrengungen einen Pool in die Felslandschaft integriert.
Der Ausblick ist atemberaubend. Oberhalb der Badeanstalt
werden Massagen, Body-Wraps und Facials verabreicht.
Sie können sich in der tropischen Vegetation verlieren
oder einfach nur in die Bibliothek pilgern, um dort
altes Filmmaterial über das frühere Leben
auf der Insel zu sichten. Erfahrene Tauchlehrer laden
zum Unterwasserausflug in die vorgelagerten Korallenriffe,
Seekajaks und Surfbretter befrieden den Sportsgeist.
Am Strand auf der anderen Inselseite warten spektakuläre
Sonnenuntergänge, eine Bar und eine weitere Sala
– eine Lounge, die von den derzeitigen Insulanern
nonchalant “Shag Hut“ getauft wurde, zu
Deutsch “Fummelwiese“.
Im Mai will North Island ihre Pforten öffnen.
Ob der Butler Ihnen bei der Bestellung eines “Sidecar“
ruckzuck einen Cognac Drink mischt oder aber einen Seitenwagen
an Ihr Golfcart zu montieren versucht, weil er den Namen
des Drinks nicht in der Mixgetränke-Fibel, sondern
im Kfz-Ratgeber vermutet, können wir Ihnen nicht
sagen. Genauso wenig, wie wir uns ein Urteil anmaßen
dürfen, ob das Wasser im Pool oder der Portwein
im Schwenker die richtige Temperatur haben, die Griffe
der Masseure richtig sitzen oder das Zimmermädchen
auch noch die allerletzte Ameise erlegt hat.
Probieren Sie es aus! Wenn Sie da sind, grüßen
Sie Brutus von uns. Er ist leicht zu erkennen, einige
übermütige Arbeiter haben ihm weiße
Deckenfarbe auf den Panzer geschmiert. (Auch das wird
ihn kaum stören. Geht alles gut, erlebt der rüstige
Herr noch, wie seine Heimat in den Originalzustand zurückversetzt
wird. Sie hätten dabei geholfen.)
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