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"Southern Comfort" (Bellevue 11/2000)
Amerikas “Alter Süden” - jeder denkt dabei an New Orleans and der Mündung des Mississippi. Doch wie man im traditionellen “Southern Style” wirklich wohnt und lebt, erfährt man besser in Natchez, ein paar Stunden flussaufwärts.
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Kennen die uns? Haben die uns schon einmal gesehen? Vielleicht in einem früheren Leben? Der gemeine Tourist, der sich zum ersten Mal in den alten Stadtkern verirrt hat, ist mißtrauisch. Hat das Fremdenverkehrsbüro ein Wettbewerb unter dem Motto" Gesucht wird Amerikas charmantester Fleck" ausgelobt? Mitnichten. Wir sind in Natchez, einem kleinen Ort am Ostufer des Mississippi, angekommen. Und anscheinend auch zu Hause. Grüße allenthalben. Ein wohlwollendes Nicken von der anderen Straßenseite. Ein kurzes Winken aus dem fahrenden Auto. Ein ehrliches "How are you?" im Dialog mit einem echten Lächeln. Als sei man am Ende einer langen Reise zurückgekehrt zu Freunden und Bekannten. Die Skepsis ob einer solch geballten Ladung an Freundlichkeit währt nur kurz. Dann läßt man sich treiben und gefangennehmen. Von der schwülen Hitze. Vom Ol` Man River, der sich träge, braun und schlammbeladen in Richtung Golf wälzt. Von schattenspendenden Alleen, an denen links und rechts opulente Villen aus einer längst vergangenen Epoche stehen. Vom Geiste Mark Twains. Natchez galt damals als Nabel der Südstaaten. Doch das ist über 150 Jahre her. Seitdem ist sie stehengeblieben. Die Zeit des mächtigen Plantagenadels. Und der einflußreichen Mississippikapitäne. Wer heute zwischen Broadway und Union Street, zwischen Washington und Oak Street flaniert, der ist unterwegs in einem riesigen architektonischen Freilichtmuseum.

Natchez - das ist eine Liebe auf den zweiten Blick. Aus Richtung Westen kommend, überquert man bei Vidalia den Fluß, der zwischen den Staaten Louisiana und Mississippi eine natürliche Grenze bildet. Die Reise auf dem Highway 65 ist für Stunden ziemlich unspektakulär. Um so größer ist die Enttäuschung, als die Straße uns kurz nach Ortseingang, vorbei an dem häßlichen Lady Luck Casino Hotel, vor einem großen, grauen postmodernen Gebäude ausspuckt - dem Natchez Visitors Reception Center. Doch was dem Center äußerlich an Charme fehlt, machen die Angestellten innen durch die vielzitierte "Southern hospitality" mehr als wett. Da wird beraten, reserviert, gebucht - das Ganze mit einem Minimum an Aufdringlichkeit. Eingedeckt mit Broschüren bis unter das Dach kann die Reise in die Vergangenheit beginnen. Doch wo anfangen? Ganz einfach - beim Essen. Eine der wohl imposantesten antebellum-Adressen ist Stanton Hall, eine Villa so groß, daß sie von drei Straßen gleichzeitig zugänglich ist. Im ehemaligen Bedienstetentrakt ist heute ein Restaurant - das Carriage House. Das perfekte Ambiente, sich mit der hiesigen Küche - Baked Ham und Seafood Gumbo - vertraut zu machen und beim abschließenden Kaffee die Suche nach einem geeigneten Nachtquartier generalstabsmäßig einzuleiten.

In Natchez gibt es fast vierzig Bed & Breakfast Inns. Und es gibt das "Riverside". Allerdings nur für Reisende, die drei Mal falsch abgebogen sind und zufällig direkt davor stehen. Und dann nur, wenn der Innkeeper zufällig auch gerade im Garten steht und an der rosaroten Fassade herumpuzzelt. "Durell Epperson", stellt er sich vor und öffnet Tür und Tor. Warum sich sein Haus nicht, wie im Prospekt avisiert, an der Clifton Road, Hausnummer 211 befindet, wollen wir wissen. Weil die Clifton Road 1952 in den Fluß gefallen ist, kommt prompt die Antwort. Ach so! Seitdem reisen Gäste und solche, die es werden wollen über die Taylor Road an. Ganz so lange ist Durell aber auch noch nicht da. Ende der 80er kam er nach Natchez und verliebte sich in das windschiefe, damals ziemlich verwahrloste Häuschen. Ist man erst einmal drinnen, weiß man sofort warum. Der Blick wandert über dunkelbraun lackierten Holzdielenboden zu den Originalkaminen aus den 60er Jahren ... des letzten Jahrhunderts (!), über Kristallüster, Biedermeyer-Sofas und Meißner Porzellan hinaus auf die "Porch", diese typische Veranda im Südstaatenstil. Und von dort auf den Mississippi, der ungefähr 150 Meter tiefer ohne größere Eile vorbeizieht. Wir bleiben! Und bekommen eines von drei Zimmern. Mit antikem Himmelbett samt Einsteigtreppe zum Erklimmen der mannshohen Matratzen. Mit jeder Menge Nippes und Plüsch. Mit einer alten Zinkwanne. Und eigenem Balkon! Anstelle eines nervigen Eincheckprozederes serviert Durell aus einer Kristalkaraffe eisgekühlten Weißen. "Eternal Spring" heißt der und entpuppt sich als hervorragender kalifornischer Riesling. "Welcome In Riverside", murmelt unser Gastgeber noch und zieht sich zurück. Die Karaffe läßt er uns. Sind wir vielleicht doch zu Hause?

Bett UND Frühstück - bei Durell ist beides Programm. Für letzteres steht der Mann schon nachmittags bis zu den Knien in Zutaten. Er rührt, mixt und knetet als ginge es um sein Leben. Biscuits und Muffins, Würstchen und Frikadellen - alles selbstgemacht. Und das sind nur die Beilagen! Die allmorgendliche Gastro-Kreation ist am Besten mit den Worten "Omelett Surprise" umschrieben - und sättigt auf Tage. Um Punkt 8.30h wird aufgetragen. Und zwar stilvoll. Der Kaffee kommt im altenglischen silbernen Tafelservice, die Milch vorgewärmt. Ständig pilgert Durell, inzwischen Koch, Kellner, und Märchenonkel in Personalunion, um den reich gedeckten Tisch, sorgt für Nachschub aus der Küche und für die Umsetzung des einzigen Punktes in seiner ungeschriebenen Hausordnung: Gepflegte Konversation am Morgen. Dazu stellt er einander die Gäste vor. Und wenn denen der Talkstoff auszugehen droht, übernimmt Durell das Gesprächsruder. Er referiert über Historisches - Natchez wurde 1716 von den Franzosen gegründet und ist, wie die Bewohner nicht müde werden zu betonen und dabei ein wenig verächtlich auf das 270 Kilometer entfernte und zwei Jahre jüngere New Orleans zeigen, die älteste Siedlung am Fluß, - er plaudert über seine Nachbarn - zur Linken residiert "Maggie, das Medium", eine gemütliche Endsechzigerin, deren Domizil zum dritten Mal innerhalb von wenigen Monaten von Tornados heimgesucht wurde und der nachgesagt wird, sie könne mit jüngst Verblichenen Kontakt aufnehmen - er beschreibt Sehenswürdigkeiten und Restaurants so akkurat, daß einen das Gefühl beschleicht, schon länger dort gelebt und gegessen zu haben. Durells Stories machen neugierig.

Am ersten Tag bleibt der Motor kalt. Downtown Natchez ist gemütlich per pedes zu erschließen. Vorbei an vielen der insgesamt 500 antebellum-Villen marschieren wir Richtung Mainstreet, dem vermeidlichen Epizentrum für Antiquitäten. Die Läden sind da, was fehlt sind Käufer und Verkäufer. Um die Mittagszeit regieren hier mexikanische Zustände, alle haben siestamäßig die Füße hochgelegt, die Altstadt gleicht einem Ghosttown. Nur bei "Fat Mama`s Tamales" herrscht rege Betriebsamkeit, wir bestellen "Cajun Boudin", eine lokale Wurstspezialität, die sich als kulinarischer Husarenritt für schwache Mägen enttarnt. Gottseidank sorgen Mamas "knock-you-naked" Magaritas für einen reibungslosen Abgang. Leicht benommen folgen wir einem Strom von Pauschaltouristen, der sich an das Flußgestade ergießt. "Natchez under the Hill" heißt dieser Stadtteil und besteht eigentlich nur aus Silver Street und viel Geschichte. "Barbary Coast of the Mississippi River" - Küste der Landstreicher hieß der Uferabschnitt damals. Doch Flußpiraten waren gestern, heute treibt es Glücksritter ans Wasser - am Anleger liegt der Casino Schaufeldampfer "Lady Luck" und lädt ein, zur jeder Tages- und Nachtzeit ein paar Dollar zu verlieren. Oder zu gewinnen. Etwaige Erfolge am Spieltisch setzt man am besten in Bier oder Speisen um. Oder in beides. Gegenüber dem Spielschiff wartet im "The Wharf Master`s House" ein eisgekühltes "Blackened Voodoo" - ein dunkles "Starkbier" aus der Umgebung. Oberhalb der Silver Street liegt der Broadway. Und dort liegt "The Cock of the Walk", ein Restaurant in einem ausrangierten Eisenbahnabteil. Fritiertes sollte man schon mögen, andernfalls könnte es bei der Menüfolge eng werden. Fritierte Salzgurken (!) als Appetizer dicht gefolgt von fritiertem Catfish (ein Süßwasserfisch, der gerne den Modder vom Boden frißt und deshalb immer erst ein paar Tage im klaren Wasser schwimmen sollte, bevor er verzehrt wird). Serviert wird wie im Knast - leichtes Blechgeschirr kombiniert mit Bechern und Tellern aus Aluminium. Kleiner Tip: Wer ausgerechnet in diesem Moment formvollendeter Romantik um die Hand seines Gegenüber anhalten möchte, den richtigen Ehereif aber nicht auf Tasche hat, der bedient sich in dem kleinen Topf mit Zwiebelringen - mariniert, nicht fritiert! Wirkt Wunder.

Das Wort "Tagesausflug" assoziiert der aufgeklärte Individualreisende gern mit Butterfahrten oder Landpartien für Senioren. Nicht cool! Spritztour klingt cooler, meint aber das Gleiche. Man kann es nennen wie man will, (und zu Hause erklären, wie man muß) kleinere Abstecher in die nähere Umgebung sind ein "must". Wie sonst will man das ländliche Flair des alten Mississippi atmen, eine Prise Plantagenromantik spüren und sich ein wenig wie Scarlett und Rhett fühlen, auch wenn Georgia noch 400 Meilen entfernt ist? Zwanzig Minute entfernt auf dem Highway 553 liegt die "Cedars Plantation", ein prachtvolles Anwesen auf 180 Hektar Grundstück bestehend aus Teichen, uralten Zedern, Gazebos und zahlreichen anderen exotischen Pflanzen. Immer noch zuviel der Zivilisation? Dann in nordöstliche Richtung auf dem Highway 61 bis zur Abzweigung Natchez Trace Parkway. Ab da - Natur pur. Bis hoch ins 180 Kilometer entfernte Jackson, dem "state capital", keine Ortschaft, kein Truck und kaum eine Menschenseele. Stattdessen eine gemütliche Tour durch eine grüne Lunge mit viel Geschichte. "Historical Marker" klären auf - erst war der "Trace" nur ein Trampelpfad für Bisons, später ein unbefestigter Weg für Siedler, Indianer und Wegelagerer. Kleiner Tip: Volltanken! Wo kein Mensch, auch keine Tankstelle. Ein kleines Abenteuer - der Highway 555, der von Natchez in Richtung Nordwesten und damit zum Fluß führt . Eine wunderschöne kleine Reise durch Alleen und Wälder, die abrupt auf einem Feldweg in einem Maisfeld endet. Hartnäckige Sonntagsfahrer schreckt das nicht, die fahren weiter, bis der Feldweg in einem kleinen See endet. Endgültig.

Am Abend hüllen sich die Scarletts und Rhetts in feines Tuch. Die "Monmouth Plantation" lädt zum gesetzten Abendessen. Vierzehn Gourmets und solche, die es werden wollen, finden sich Schlag 19 Uhr ein in einer Kulisse, die aus "Vom Winde verweht" übrig geblieben sein muß. Im Vorhof serviert Roosevelt, die schwarze Perle, Cocktails "Southern Style". Mint Juleps für die Damen, Bourbon für die Herren - und Champagner für die Franzosen. Dann - die Glocke schellt zum Diner. Roosevelt bittet in den Dining-Room des alten Haupthauses. Ein festlich gedeckter Tisch und Kerzenlicht machen anfangs für eine etwas gediegene Stimmung. Das ändert sich nach einem ersten Glas hervorragendem Roten. Small talk erwünscht. Und alle machen mit - bis auf die vier Franzosen. Ihr Konversationsversuch scheitert nach der vorsichtigen Frage "Do you speak French?" Das tut hier leider niemand. Alle anderen amüsieren sich prächtig bei Broccoli-Creme-Suppe, Sorbet aus geeisten Gurken an Limette, wahlweise Fish, Pork oder Beef und zum Abgang eine Kalorienbombe aus Schokolade. Dazu später noch den einen oder anderen Digestif - zur besseren Verdauung der Rechnung, die der emsige Roosevelt serviert, bevor er, lange vor seinen Gästen, nach Hause geht.

Kann man noch besser essen? Man kann nicht nur, man muß! Und zwar an einem Ort, der garantiert in keinem Gastro-Führer Erwähnung findet. Bei "Captain Bernie". Der Kapitän hat einen etwas größeren Anhänger auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt plaziert. Auf dem Anhänger - eine überdimensionale Schlauch- und Kochtopfkonstruktion, die ein wenig an die deutsche Gulaschkanone erinnert. In einem dieser Eisenpötte kocht crayfish (Flußkrebse, auch crawfish genannt ), in zwei kleineren Maiskolben und Pellkartoffeln à la Bernie. Für schlappe fünf Dollar füllt er soviel dieser Köstlichkeiten in einen Plastikbeutel, daß man gern noch eine fünfköpfige Familie zum Picknicken einladen möchte. Gleichzeitig, für seine deutschen Gäste, referiert der Mann während er mit Mais und Fisch jongliert über Wernherr von Braun und das Raketenprogramm aus den 50er Jahren, sowie über seinen Einsatz bei der Armee in Ramstein - wenn man ihn läßt, solange bis der Fisch kalt ist! Serviervorschlag: "Tagesausflug" planen, Küchenrolle einpacken und Cabriodach zurückschlagen. Strenges Pulen auf dem Beifahrersitz harmoniert bestens mit vorsichtigem Füttern des Fahrers. Achtung: Weicheier anschnallen, die Meeresfrüchte garen in einem Sud der scharf-würzigen Art. Hartgesottene Eingeborene, so weiß Captain Bernie noch mit auf den Weg zu geben, konsumieren nicht nur das leckere Schwanzende, sondern lutschen auch noch den Kopf aus. Mahlzeit!

Etwas schlechtes gibt es über Natchez, dem reizenden Ort am Mississippi, allerdings doch zu vermelden: Man will nicht mehr weg! Liegt es an der eingangs beschriebenen Freundlichkeit, dem Gefühl bereits nach wenigen Stunden Aufenthalt ein fester Teil der Gemeinde zu sein, oder aber liegt es vielleicht daran, daß Natchez alle Phantasien des "easy livings" erfüllt? Durell wird die Frage am besten beantworten können. Ein Jahr nur wollte er sich hier von seinem aufreibenden Leben als Stylist erholen. Das ist jetzt 11 Jahre her.