Kennen die uns? Haben die uns
schon einmal gesehen? Vielleicht in einem früheren
Leben? Der gemeine Tourist, der sich zum ersten Mal
in den alten Stadtkern verirrt hat, ist mißtrauisch.
Hat das Fremdenverkehrsbüro ein Wettbewerb unter
dem Motto" Gesucht wird Amerikas charmantester
Fleck" ausgelobt? Mitnichten. Wir sind in Natchez,
einem kleinen Ort am Ostufer des Mississippi, angekommen.
Und anscheinend auch zu Hause. Grüße allenthalben.
Ein wohlwollendes Nicken von der anderen Straßenseite.
Ein kurzes Winken aus dem fahrenden Auto. Ein ehrliches
"How are you?" im Dialog mit einem echten
Lächeln. Als sei man am Ende einer langen Reise
zurückgekehrt zu Freunden und Bekannten. Die Skepsis
ob einer solch geballten Ladung an Freundlichkeit währt
nur kurz. Dann läßt man sich treiben und
gefangennehmen. Von der schwülen Hitze. Vom Ol`
Man River, der sich träge, braun und schlammbeladen
in Richtung Golf wälzt. Von schattenspendenden
Alleen, an denen links und rechts opulente Villen aus
einer längst vergangenen Epoche stehen. Vom Geiste
Mark Twains. Natchez galt damals als Nabel der Südstaaten.
Doch das ist über 150 Jahre her. Seitdem ist sie
stehengeblieben. Die Zeit des mächtigen Plantagenadels.
Und der einflußreichen Mississippikapitäne.
Wer heute zwischen Broadway und Union Street, zwischen
Washington und Oak Street flaniert, der ist unterwegs
in einem riesigen architektonischen Freilichtmuseum.
Natchez - das ist eine Liebe auf den zweiten Blick.
Aus Richtung Westen kommend, überquert man bei
Vidalia den Fluß, der zwischen den Staaten Louisiana
und Mississippi eine natürliche Grenze bildet.
Die Reise auf dem Highway 65 ist für Stunden ziemlich
unspektakulär. Um so größer ist die
Enttäuschung, als die Straße uns kurz nach
Ortseingang, vorbei an dem häßlichen Lady
Luck Casino Hotel, vor einem großen, grauen postmodernen
Gebäude ausspuckt - dem Natchez Visitors Reception
Center. Doch was dem Center äußerlich an
Charme fehlt, machen die Angestellten innen durch die
vielzitierte "Southern hospitality" mehr als
wett. Da wird beraten, reserviert, gebucht - das Ganze
mit einem Minimum an Aufdringlichkeit. Eingedeckt mit
Broschüren bis unter das Dach kann die Reise in
die Vergangenheit beginnen. Doch wo anfangen? Ganz einfach
- beim Essen. Eine der wohl imposantesten antebellum-Adressen
ist Stanton Hall, eine Villa so groß, daß
sie von drei Straßen gleichzeitig zugänglich
ist. Im ehemaligen Bedienstetentrakt ist heute ein Restaurant
- das Carriage House. Das perfekte Ambiente, sich mit
der hiesigen Küche - Baked Ham und Seafood Gumbo
- vertraut zu machen und beim abschließenden Kaffee
die Suche nach einem geeigneten Nachtquartier generalstabsmäßig
einzuleiten.
In Natchez gibt es fast vierzig Bed & Breakfast
Inns. Und es gibt das "Riverside". Allerdings
nur für Reisende, die drei Mal falsch abgebogen
sind und zufällig direkt davor stehen. Und dann
nur, wenn der Innkeeper zufällig auch gerade im
Garten steht und an der rosaroten Fassade herumpuzzelt.
"Durell Epperson", stellt er sich vor und
öffnet Tür und Tor. Warum sich sein Haus nicht,
wie im Prospekt avisiert, an der Clifton Road, Hausnummer
211 befindet, wollen wir wissen. Weil die Clifton Road
1952 in den Fluß gefallen ist, kommt prompt die
Antwort. Ach so! Seitdem reisen Gäste und solche,
die es werden wollen über die Taylor Road an. Ganz
so lange ist Durell aber auch noch nicht da. Ende der
80er kam er nach Natchez und verliebte sich in das windschiefe,
damals ziemlich verwahrloste Häuschen. Ist man
erst einmal drinnen, weiß man sofort warum. Der
Blick wandert über dunkelbraun lackierten Holzdielenboden
zu den Originalkaminen aus den 60er Jahren ... des letzten
Jahrhunderts (!), über Kristallüster, Biedermeyer-Sofas
und Meißner Porzellan hinaus auf die "Porch",
diese typische Veranda im Südstaatenstil. Und von
dort auf den Mississippi, der ungefähr 150 Meter
tiefer ohne größere Eile vorbeizieht. Wir
bleiben! Und bekommen eines von drei Zimmern. Mit antikem
Himmelbett samt Einsteigtreppe zum Erklimmen der mannshohen
Matratzen. Mit jeder Menge Nippes und Plüsch. Mit
einer alten Zinkwanne. Und eigenem Balkon! Anstelle
eines nervigen Eincheckprozederes serviert Durell aus
einer Kristalkaraffe eisgekühlten Weißen.
"Eternal Spring" heißt der und entpuppt
sich als hervorragender kalifornischer Riesling. "Welcome
In Riverside", murmelt unser Gastgeber noch und
zieht sich zurück. Die Karaffe läßt
er uns. Sind wir vielleicht doch zu Hause?
Bett UND Frühstück - bei Durell ist beides
Programm. Für letzteres steht der Mann schon nachmittags
bis zu den Knien in Zutaten. Er rührt, mixt und
knetet als ginge es um sein Leben. Biscuits und Muffins,
Würstchen und Frikadellen - alles selbstgemacht.
Und das sind nur die Beilagen! Die allmorgendliche Gastro-Kreation
ist am Besten mit den Worten "Omelett Surprise"
umschrieben - und sättigt auf Tage. Um Punkt 8.30h
wird aufgetragen. Und zwar stilvoll. Der Kaffee kommt
im altenglischen silbernen Tafelservice, die Milch vorgewärmt.
Ständig pilgert Durell, inzwischen Koch, Kellner,
und Märchenonkel in Personalunion, um den reich
gedeckten Tisch, sorgt für Nachschub aus der Küche
und für die Umsetzung des einzigen Punktes in seiner
ungeschriebenen Hausordnung: Gepflegte Konversation
am Morgen. Dazu stellt er einander die Gäste vor.
Und wenn denen der Talkstoff auszugehen droht, übernimmt
Durell das Gesprächsruder. Er referiert über
Historisches - Natchez wurde 1716 von den Franzosen
gegründet und ist, wie die Bewohner nicht müde
werden zu betonen und dabei ein wenig verächtlich
auf das 270 Kilometer entfernte und zwei Jahre jüngere
New Orleans zeigen, die älteste Siedlung am Fluß,
- er plaudert über seine Nachbarn - zur Linken
residiert "Maggie, das Medium", eine gemütliche
Endsechzigerin, deren Domizil zum dritten Mal innerhalb
von wenigen Monaten von Tornados heimgesucht wurde und
der nachgesagt wird, sie könne mit jüngst
Verblichenen Kontakt aufnehmen - er beschreibt Sehenswürdigkeiten
und Restaurants so akkurat, daß einen das Gefühl
beschleicht, schon länger dort gelebt und gegessen
zu haben. Durells Stories machen neugierig.
Am ersten Tag bleibt der Motor kalt. Downtown Natchez
ist gemütlich per pedes zu erschließen. Vorbei
an vielen der insgesamt 500 antebellum-Villen marschieren
wir Richtung Mainstreet, dem vermeidlichen Epizentrum
für Antiquitäten. Die Läden sind da,
was fehlt sind Käufer und Verkäufer. Um die
Mittagszeit regieren hier mexikanische Zustände,
alle haben siestamäßig die Füße
hochgelegt, die Altstadt gleicht einem Ghosttown. Nur
bei "Fat Mama`s Tamales" herrscht rege Betriebsamkeit,
wir bestellen "Cajun Boudin", eine lokale
Wurstspezialität, die sich als kulinarischer Husarenritt
für schwache Mägen enttarnt. Gottseidank sorgen
Mamas "knock-you-naked" Magaritas für
einen reibungslosen Abgang. Leicht benommen folgen wir
einem Strom von Pauschaltouristen, der sich an das Flußgestade
ergießt. "Natchez under the Hill" heißt
dieser Stadtteil und besteht eigentlich nur aus Silver
Street und viel Geschichte. "Barbary Coast of the
Mississippi River" - Küste der Landstreicher
hieß der Uferabschnitt damals. Doch Flußpiraten
waren gestern, heute treibt es Glücksritter ans
Wasser - am Anleger liegt der Casino Schaufeldampfer
"Lady Luck" und lädt ein, zur jeder Tages-
und Nachtzeit ein paar Dollar zu verlieren. Oder zu
gewinnen. Etwaige Erfolge am Spieltisch setzt man am
besten in Bier oder Speisen um. Oder in beides. Gegenüber
dem Spielschiff wartet im "The Wharf Master`s House"
ein eisgekühltes "Blackened Voodoo" -
ein dunkles "Starkbier" aus der Umgebung.
Oberhalb der Silver Street liegt der Broadway. Und dort
liegt "The Cock of the Walk", ein Restaurant
in einem ausrangierten Eisenbahnabteil. Fritiertes sollte
man schon mögen, andernfalls könnte es bei
der Menüfolge eng werden. Fritierte Salzgurken
(!) als Appetizer dicht gefolgt von fritiertem Catfish
(ein Süßwasserfisch, der gerne den Modder
vom Boden frißt und deshalb immer erst ein paar
Tage im klaren Wasser schwimmen sollte, bevor er verzehrt
wird). Serviert wird wie im Knast - leichtes Blechgeschirr
kombiniert mit Bechern und Tellern aus Aluminium. Kleiner
Tip: Wer ausgerechnet in diesem Moment formvollendeter
Romantik um die Hand seines Gegenüber anhalten
möchte, den richtigen Ehereif aber nicht auf Tasche
hat, der bedient sich in dem kleinen Topf mit Zwiebelringen
- mariniert, nicht fritiert! Wirkt Wunder.
Das Wort "Tagesausflug" assoziiert der aufgeklärte
Individualreisende gern mit Butterfahrten oder Landpartien
für Senioren. Nicht cool! Spritztour klingt cooler,
meint aber das Gleiche. Man kann es nennen wie man will,
(und zu Hause erklären, wie man muß) kleinere
Abstecher in die nähere Umgebung sind ein "must".
Wie sonst will man das ländliche Flair des alten
Mississippi atmen, eine Prise Plantagenromantik spüren
und sich ein wenig wie Scarlett und Rhett fühlen,
auch wenn Georgia noch 400 Meilen entfernt ist? Zwanzig
Minute entfernt auf dem Highway 553 liegt die "Cedars
Plantation", ein prachtvolles Anwesen auf 180 Hektar
Grundstück bestehend aus Teichen, uralten Zedern,
Gazebos und zahlreichen anderen exotischen Pflanzen.
Immer noch zuviel der Zivilisation? Dann in nordöstliche
Richtung auf dem Highway 61 bis zur Abzweigung Natchez
Trace Parkway. Ab da - Natur pur. Bis hoch ins 180 Kilometer
entfernte Jackson, dem "state capital", keine
Ortschaft, kein Truck und kaum eine Menschenseele. Stattdessen
eine gemütliche Tour durch eine grüne Lunge
mit viel Geschichte. "Historical Marker" klären
auf - erst war der "Trace" nur ein Trampelpfad
für Bisons, später ein unbefestigter Weg für
Siedler, Indianer und Wegelagerer. Kleiner Tip: Volltanken!
Wo kein Mensch, auch keine Tankstelle. Ein kleines Abenteuer
- der Highway 555, der von Natchez in Richtung Nordwesten
und damit zum Fluß führt . Eine wunderschöne
kleine Reise durch Alleen und Wälder, die abrupt
auf einem Feldweg in einem Maisfeld endet. Hartnäckige
Sonntagsfahrer schreckt das nicht, die fahren weiter,
bis der Feldweg in einem kleinen See endet. Endgültig.
Am Abend hüllen sich die Scarletts und Rhetts
in feines Tuch. Die "Monmouth Plantation"
lädt zum gesetzten Abendessen. Vierzehn Gourmets
und solche, die es werden wollen, finden sich Schlag
19 Uhr ein in einer Kulisse, die aus "Vom Winde
verweht" übrig geblieben sein muß. Im
Vorhof serviert Roosevelt, die schwarze Perle, Cocktails
"Southern Style". Mint Juleps für die
Damen, Bourbon für die Herren - und Champagner
für die Franzosen. Dann - die Glocke schellt zum
Diner. Roosevelt bittet in den Dining-Room des alten
Haupthauses. Ein festlich gedeckter Tisch und Kerzenlicht
machen anfangs für eine etwas gediegene Stimmung.
Das ändert sich nach einem ersten Glas hervorragendem
Roten. Small talk erwünscht. Und alle machen mit
- bis auf die vier Franzosen. Ihr Konversationsversuch
scheitert nach der vorsichtigen Frage "Do you speak
French?" Das tut hier leider niemand. Alle anderen
amüsieren sich prächtig bei Broccoli-Creme-Suppe,
Sorbet aus geeisten Gurken an Limette, wahlweise Fish,
Pork oder Beef und zum Abgang eine Kalorienbombe aus
Schokolade. Dazu später noch den einen oder anderen
Digestif - zur besseren Verdauung der Rechnung, die
der emsige Roosevelt serviert, bevor er, lange vor seinen
Gästen, nach Hause geht.
Kann man noch besser essen? Man kann nicht nur, man
muß! Und zwar an einem Ort, der garantiert in
keinem Gastro-Führer Erwähnung findet. Bei
"Captain Bernie". Der Kapitän hat einen
etwas größeren Anhänger auf einem Parkplatz
vor einem Supermarkt plaziert. Auf dem Anhänger
- eine überdimensionale Schlauch- und Kochtopfkonstruktion,
die ein wenig an die deutsche Gulaschkanone erinnert.
In einem dieser Eisenpötte kocht crayfish (Flußkrebse,
auch crawfish genannt ), in zwei kleineren Maiskolben
und Pellkartoffeln à la Bernie. Für schlappe
fünf Dollar füllt er soviel dieser Köstlichkeiten
in einen Plastikbeutel, daß man gern noch eine
fünfköpfige Familie zum Picknicken einladen
möchte. Gleichzeitig, für seine deutschen
Gäste, referiert der Mann während er mit Mais
und Fisch jongliert über Wernherr von Braun und
das Raketenprogramm aus den 50er Jahren, sowie über
seinen Einsatz bei der Armee in Ramstein - wenn man
ihn läßt, solange bis der Fisch kalt ist!
Serviervorschlag: "Tagesausflug" planen, Küchenrolle
einpacken und Cabriodach zurückschlagen. Strenges
Pulen auf dem Beifahrersitz harmoniert bestens mit vorsichtigem
Füttern des Fahrers. Achtung: Weicheier anschnallen,
die Meeresfrüchte garen in einem Sud der scharf-würzigen
Art. Hartgesottene Eingeborene, so weiß Captain
Bernie noch mit auf den Weg zu geben, konsumieren nicht
nur das leckere Schwanzende, sondern lutschen auch noch
den Kopf aus. Mahlzeit!
Etwas schlechtes gibt es über Natchez, dem reizenden
Ort am Mississippi, allerdings doch zu vermelden: Man
will nicht mehr weg! Liegt es an der eingangs beschriebenen
Freundlichkeit, dem Gefühl bereits nach wenigen
Stunden Aufenthalt ein fester Teil der Gemeinde zu sein,
oder aber liegt es vielleicht daran, daß Natchez
alle Phantasien des "easy livings" erfüllt?
Durell wird die Frage am besten beantworten können.
Ein Jahr nur wollte er sich hier von seinem aufreibenden
Leben als Stylist erholen. Das ist jetzt 11 Jahre her.
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