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Leidenschaftlicher Tanz zu melancholischen Rhythmen
(Handelsblatt 1/2004)

Tradition und unterschwellige Erotik abseits der bunten Showpaläste und inszenierten Revues. Auf den Milongas, den Tanzveranstaltungen in Buenos Aires, gleiten Einheimische und Gäste zu Tangoklängen über das Parkett .
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“El tango es un pensamiento triste que se puede bailar” … der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“ Worte aus der Feder eines ganz Großen der Tangoszene. Enrique Santos Discépolo starb, so will es die Legende, an Tuberkulose und ... Kummer. Vorher vermachte der argentinische Komponist der Nachwelt über 30 wichtige Tango Kompositionen. Zu einer von ihnen bewegt sich gerade gedankenverloren Guillermo Vinelli. Schaut man dem argentinischen Immobilienmakler bei seinem Hobby zu, dann scheint jede Faser seines Körpers, jede Facette seines Gesichtsausdrucks, jeder noch so subtile Takt seiner Schritte diesem Satz Gestalt verleihen zu wollen. Vinelli ist Tangotänzer. Eine Bezeichnung, die der penibel gedresste Mitfünfziger mit dem gegelten Haar und den perfekten Manieren kommentarlos passieren lässt, wenn auch mit gequältem Lächeln. Denn in Wahrheit ist Vinelli milonguero. Sein Revier sind nicht die für Touristen aufbereiteten Showrevuen mit Tango-Elementen, diese in pathetisches Licht getauchten Interpretationen der argentinischen Geschichte, in denen gauchos und laszive Bardamen (lies: Prostituierten) mit Federboa und Netzstrümpfen zu den Klängen Astor Piazzolas wiedererweckt werden. Vinellis Pflaster sind die milongas. Jene unprätentiösen, dennoch aber nach striktem Muster und Regeln ablaufenden Tanzveranstaltungen in den barrios, den unterschiedlichen Stadtteilen Buenos Aires, die auch immer mehr Europäer in ihren Bann zieht.

Milonga, ein Wort, zwei Bedeutungen. Zum einen meint es eine Musik, die sich ihrer Wurzeln aus dem 19. Jahrhundert besinnt, eine Musik, die spanische Melodien und afrikanische Rhythmik vereint und in den ländlichen Gebieten dies und jenseits des Rio de la Plata, also in Argentinien und Uruguay populär wurde. Zum anderen aber meint Milonga, frei übersetzt Wirrwarr, ein Fest, ein Tanz oder einfach eine fröhliche Veranstaltung. Für den Milonga-Novizen allerdings wird sich auf den ersten Blick kaum das “fröhlich“ dieser Veranstaltung erschließen. Zu streng, zu steif meint man, das Geschehen wahrnehmen zu müssen, zu Ernst scheinen die Teilnehmer bemüht, einem ungeschriebenen Kodex Folge zu leisten. Erst nach geraumer Zeit erschließt sich das Enigma Tango, wirkt das melodramatische Zusammenspiel aus Melodie, Rhythmus und Bewegung weniger befremdlich, das Elegische weicht und macht Platz der Leidenschaft und der stets unterschwellig präsenten Erotik. Gleichsam fasziniert und irritiert wird man Zeuge tänzerischer Ausdrucksformen, die durch ein einziges Wort nicht nur elegant beschrieben, sondern sich dadurch auch erfrischend von anderen Standarttänzen unterscheidet: Der Improvisation.

Wo das ungeschulte Ohr Zeuge eines einzigen Musikstücks wird, offenbaren sich für den passionierten Tango-Tänzer bis zu 20 verschiedene Tanzstile. Jeder darf nicht nur die Musik verschieden interpretieren, er sollte es sogar. Und er tut es. Die Musik und der Kontakt zum Partner bilden die Basis auf der man die unterschiedlichten Schrittkombinationen macht. “Je nachdem, wie gut man die Musik hört und wie gut der Partner ist, wird es dann mehr oder weniger schön,“ weiß Andreas Erbsen zu erzählen. Zusammen mit seiner Partnerin Ruth Manonellas gehört der deutsche Architekt zu einer festen Größe in den Tangozirkeln der argentinische Kapitale. Wenige Landsleute haben sich ähnlich intensiv wie er dem Tango verschrieben, inzwischen hat seine Kunst ein Niveau erreicht, das dafür sorgt, dass er in Argentinien und Europa Tangoseminare gibt. Aus ihm spricht jahrelange Expertise – seit 1997 nennt er Buenos Aires sein zu hause - wenn er erklärt, “man wird sich zur selben Musik immer anders bewegen. Der Tango entsteht wirklich erst im Moment des Tanzens.“

Und dieser echte Tango findet sich zum Beispiel in der Milonga im Niño Bien, einem Ort mit dem Charme einer ländlichen Kleinkunstbühne. Doch Ambiente ist sicherlich das letzte, was eine eklektische Mischung von porteños (den Einheimischen Buenos Aires) und wohl informierten Toursiten in den schummerig beleuchteten Saal finden und bis in den frühen Morgen tanzen lässt. Bekannte milongueros wie Guillermo Vinelli bekommen hier einen Tisch in der ersten Reihe, Neuankömmlinge werden strategisch im Hintergrund platziert – hier regiert noch alte Schule. Niemals würde Guillermo eine Partnerin verbal zum Tanz bitten, geduldig lässt er sein (geschultes) Auge kreisen, bis sich die Blicke kreuzen und ein kaum wahrnehmbares Nicken Bereitschaft signalisiert. Dann führt er die Dame form vollendet aufs Parkett und tanzt mit ihr einen Block bestehend aus vier Themen zu der Musik viel gepriesener Tangokoryphäen wie Juan D`Arienzo, Anibal Troilo oder Osvaldo Pugliese. Für Minuten wird das Paar Ausdruck der getanzten Traurigkeit, bis la cortina fällt – der musikalische Vorhang - und der Herr die Dame zurück an ihren Tisch führt. Und alles beginnt aufs Neue.


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