“El tango es un pensamiento
triste que se puede bailar” … der
Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“
Worte aus der Feder eines ganz Großen der Tangoszene.
Enrique Santos Discépolo starb, so will es die
Legende, an Tuberkulose und ... Kummer. Vorher vermachte
der argentinische Komponist der Nachwelt über 30
wichtige Tango Kompositionen. Zu einer von ihnen bewegt
sich gerade gedankenverloren Guillermo Vinelli. Schaut
man dem argentinischen Immobilienmakler bei seinem Hobby
zu, dann scheint jede Faser seines Körpers, jede
Facette seines Gesichtsausdrucks, jeder noch so subtile
Takt seiner Schritte diesem Satz Gestalt verleihen zu
wollen. Vinelli ist Tangotänzer. Eine Bezeichnung,
die der penibel gedresste Mitfünfziger mit dem
gegelten Haar und den perfekten Manieren kommentarlos
passieren lässt, wenn auch mit gequältem Lächeln.
Denn in Wahrheit ist Vinelli milonguero. Sein Revier
sind nicht die für Touristen aufbereiteten Showrevuen
mit Tango-Elementen, diese in pathetisches Licht getauchten
Interpretationen der argentinischen Geschichte, in denen
gauchos und laszive Bardamen (lies: Prostituierten)
mit Federboa und Netzstrümpfen zu den Klängen
Astor Piazzolas wiedererweckt werden. Vinellis Pflaster
sind die milongas. Jene unprätentiösen, dennoch
aber nach striktem Muster und Regeln ablaufenden Tanzveranstaltungen
in den barrios, den unterschiedlichen Stadtteilen Buenos
Aires, die auch immer mehr Europäer in ihren Bann
zieht.
Milonga, ein Wort, zwei Bedeutungen. Zum einen meint
es eine Musik, die sich ihrer Wurzeln aus dem 19. Jahrhundert
besinnt, eine Musik, die spanische Melodien und afrikanische
Rhythmik vereint und in den ländlichen Gebieten
dies und jenseits des Rio de la Plata, also in Argentinien
und Uruguay populär wurde. Zum anderen aber meint
Milonga, frei übersetzt Wirrwarr, ein Fest, ein
Tanz oder einfach eine fröhliche Veranstaltung.
Für den Milonga-Novizen allerdings wird sich auf
den ersten Blick kaum das “fröhlich“
dieser Veranstaltung erschließen. Zu streng, zu
steif meint man, das Geschehen wahrnehmen zu müssen,
zu Ernst scheinen die Teilnehmer bemüht, einem
ungeschriebenen Kodex Folge zu leisten. Erst nach geraumer
Zeit erschließt sich das Enigma Tango, wirkt das
melodramatische Zusammenspiel aus Melodie, Rhythmus
und Bewegung weniger befremdlich, das Elegische weicht
und macht Platz der Leidenschaft und der stets unterschwellig
präsenten Erotik. Gleichsam fasziniert und irritiert
wird man Zeuge tänzerischer Ausdrucksformen, die
durch ein einziges Wort nicht nur elegant beschrieben,
sondern sich dadurch auch erfrischend von anderen Standarttänzen
unterscheidet: Der Improvisation.
Wo das ungeschulte Ohr Zeuge eines einzigen Musikstücks
wird, offenbaren sich für den passionierten Tango-Tänzer
bis zu 20 verschiedene Tanzstile. Jeder darf nicht nur
die Musik verschieden interpretieren, er sollte es sogar.
Und er tut es. Die Musik und der Kontakt zum Partner
bilden die Basis auf der man die unterschiedlichten
Schrittkombinationen macht. “Je nachdem, wie gut
man die Musik hört und wie gut der Partner ist,
wird es dann mehr oder weniger schön,“ weiß
Andreas Erbsen zu erzählen. Zusammen mit seiner
Partnerin Ruth Manonellas gehört der deutsche Architekt
zu einer festen Größe in den Tangozirkeln
der argentinische Kapitale. Wenige Landsleute haben
sich ähnlich intensiv wie er dem Tango verschrieben,
inzwischen hat seine Kunst ein Niveau erreicht, das
dafür sorgt, dass er in Argentinien und Europa
Tangoseminare gibt. Aus ihm spricht jahrelange Expertise
– seit 1997 nennt er Buenos Aires sein zu hause
- wenn er erklärt, “man wird sich zur selben
Musik immer anders bewegen. Der Tango entsteht wirklich
erst im Moment des Tanzens.“
Und dieser echte Tango findet sich zum Beispiel in
der Milonga im Niño Bien, einem Ort mit dem Charme
einer ländlichen Kleinkunstbühne. Doch Ambiente
ist sicherlich das letzte, was eine eklektische Mischung
von porteños (den Einheimischen Buenos Aires)
und wohl informierten Toursiten in den schummerig beleuchteten
Saal finden und bis in den frühen Morgen tanzen
lässt. Bekannte milongueros wie Guillermo Vinelli
bekommen hier einen Tisch in der ersten Reihe, Neuankömmlinge
werden strategisch im Hintergrund platziert –
hier regiert noch alte Schule. Niemals würde Guillermo
eine Partnerin verbal zum Tanz bitten, geduldig lässt
er sein (geschultes) Auge kreisen, bis sich die Blicke
kreuzen und ein kaum wahrnehmbares Nicken Bereitschaft
signalisiert. Dann führt er die Dame form vollendet
aufs Parkett und tanzt mit ihr einen Block bestehend
aus vier Themen zu der Musik viel gepriesener Tangokoryphäen
wie Juan D`Arienzo, Anibal Troilo oder Osvaldo Pugliese.
Für Minuten wird das Paar Ausdruck der getanzten
Traurigkeit, bis la cortina fällt – der musikalische
Vorhang - und der Herr die Dame zurück an ihren
Tisch führt. Und alles beginnt aufs Neue.
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