Es heißt doch, man soll ihn nicht
aufhalten! Den Reisenden. Daran hält sich auch
Senor Roberto Lavagna und begibt sich auf eine weite
Reise durch viele Länder. „Roadshow“ tauften
die Presse medienwirksam den ambitionierten Einsatz
des argentinischen Wirtschaftsministers, der der Welt
etwas zeigen möchte. Nicht etwa ein straßentaugliches
Produkt, sondern den Weg aus der Schuldenkrise. Und
der ist einfach: Ein Großteil der Gläubiger
soll Verzicht üben. Welche Schuld? Welche Krise?
Die Argentinier stecken zwar tief in der Kreide, aber
deshalb müssen sie sie ja nicht fressen. Die Argentinier
und ganz besonders die Bewohner der Hauptstadt, sie
sind Verdrängungsweltmeister. Sie „leben
von der Illusion und hassen die Pflicht“, bemerkt
ein aufmerksamer Zeitgenosse.
Ob man ein Porträt von oder zu Buenos Aires auch
anders beginnen kann? Sicher. So wie viele, die bei
diesem Thema sofort einer Depression anheim fallen,
die unbeirrt dem Duktus von Trübsinn und Verzweiflung
gehorchend über die Tristesse der Bevölkerung
und über tote (Evita, Che) und halbtote (Maradona)
Ikonen referieren, für die “Schwermut über
der Stadt wie ein Gewitter liegt“, die immer
wieder die dichterische Allzweckwaffe Borges bemühen,
die der Kapitale stets aufs Neue das Prädikat “Paris
Südamerikas“ umhängen, die Sätze
bilden wie “Buenos Aires ist die Fortsetzung
der Pampa mit anderen Mitteln“ - schön gesagt,
doch was heißt das? Wer ist sie, diese Kapitale
am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner,
den porteños? Tatsächlich eine Urbanisation
riesigen Ausmaßes, die den Blues hat, nur weil
allerorten – nur eben nicht in der Stadt selbst – behauptet
wird, aus ihr heraus sei beständig Tango zu vernehmen,
jener “traurige Gedanke, den man tanzen kann“?
Mitnichten!
Zwar sehnt der porteño nach diesem und jenem
von einst, denn da war es besser und er hadert. Mit
bestechlichen Politikern, mit der argentinischen
Nationalelf, mit dem internationalen Währungsfond.
Und anschließend mit sich selbst. Dann trinkt
der Mann (und die Frau) von der Straße seinen
mate, melancholisiert, nostalgisiert ... que va`cer
... was kann man schon tun ... und seine Stimmung
oszilliert irgendwo zwischen Euphorie und Weltuntergang – doch
wirklich depressiv, sozusagen Tango-depressiv ist
niemand. Auch nicht die Besserverdienenden, die wie
beseelt die Couches der Therapeuten bevölkern.
Kein Ort der Welt, außer vielleicht Woody Allens
New York, weist eine so lückenlose Deckung an
Seelenklempnern aus, hier wird tatsächlich Deutsch
gelernt, um Freud auch im Original nicht zu verstehen.
Besserverdienen? Das tun immer weniger, der jüngste
Kollaps im Anschluss an die korrupten Menem-Jahre,
der Währungsverfall und die Bankenkrise haben
die Dollar-Sparguthaben ausradiert. Und die Mittelschicht,
denen diese Konten gehörten, gleich mit.
Ein Dilemma für die Einheimischen, ein Segen
für die Einreisenden. Buenos Aires gibt es seit
fast zwei Jahren im Sonderschlussverkauf, alles muss
weg, alles mit 70 Prozent Rabatt. Doch Buenos Aires
steht nicht wie eine billige, abgetakelte Bordsteinschwalbe
am Straßenrand, es biedert sich nicht an und
will auch nicht gekauft werden. Buenos Aires kann
man nicht finden, doch man kann etwas entdecken,
was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen
Ayre seit seiner Gründung 1536 ist – la
aldea, das große Dorf. Eine Siedlung, die nie
wirklich erwachsen wurde, in der aber in den letzten
468 Jahren – die Umkehrung des deutschen Einheits-Klischees
mag man verzeihen - zusammenwuchs, was eigentlich
nicht zusammengehört. Wenn morgens im vornehmen
Recoleta die paseadores (Hundeführer) eine eklektische
Schar hochgezüchteter Vierbeiner in die zahlreichen
Parks geleiten, dann ist doch das angeleinte Nebeneinander
von Huskies, Dobermänner und Schäferhunden
eigentlich die Anleitung zum gefundenen Fressen.
Und gefressen werden. Doch nichts der Gleichen. Stattdessen
eine Metapher: Was der Köter schafft, bekommt
auch die zweibeinige Spezies prima geregelt. Blickt
doch der porteño auf jüdische und arabische
Wurzeln, rühmt er sich einer italienischen,
französischen oder deutschen Herkunft, glaubt
er griechisch-orthodox, moslemisch oder katholisch – hier
koexistiert alles und jedes fern von rassischen oder
religiösen Ressentiments.
Sicher, fast jeder hat im Laufe der Jahre seinen
Stadteil, sein barrio, behauptet. Der Franzose das
mondäne Recoleta, die Deutschen das biedere
Belgrano, die Italiener das verrufene La Boca ebenso
wie das elegantere Palermo, die Engländer Teile
vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint
es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt.
Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer
großen Molochs – das Saarland ist etwas
kleiner – mischt sich dann alles.
Wenn es also nicht der Tango ist, der die Menschen
bewegt – die Wenigsten können sich wirklich
zu ihm bewegen – was dann? Politik, Fußball,
Steaks und die chicas. Und der Verkehr an sich. Eine
Armada altgedienter Peugeot 504, am Steuer taxistas,
Taxifahrer, deren Bleifüsse vom Gen Fangios
gesteuert werden, colectivos, chromblitzende Busse,
in Wirklichkeit jedoch schnaubende, gedopte Stiere
mit Motoren auf der Jagd nach Zeit und Fußgänger.
Die Straßen? Boulevards ungleich schmaler als
die Elbmündung, in deren Fahrwasser auf zehn
ausgewiesenen Fahrbahnen mindestens 16 Fahrzeuge
versuchen, ohne Feindberührung aneinander vorbeizuströmen.
Deshalb, wer wirklich etwas entdecken will, der geht
zu Fuß.
Wo sind sie, die Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische
Antwort: Überall. Und meistens dort, wo sie nicht
ausgewiesen sind. Deshalb: Niemals sich dem Diktat
wohlmeinender Stadtführer beugen. Man fängt
am besten irgendwo an, denn Buenos Aires ist sowieso
nirgends. Schon gar nicht dort wo die “gute Luft“ einst
anfing, in La Boca, damals, als die italienischen Einwanderer
dort landeten und auch dort blieben, als die besser
Situierten im Anschluss an das große Gelbfieber
von 1871 in Richtung Norden mäanderten. Heute
zieht aus einem längst verstorbenen Seitenarm
des Rio de la Plata beißender Gestank durch die
schmalen Gassen von La Boca. Und sonst nichts! Der
berühmte carminito? Viel bemühtes Postkartenmotiv
und in Wahrheit nicht mehr als ein paar bunt getünchte
Wellblechhütten, vor denen Künstler, die
nicht wirklich können, Kunst feilbieten, die keine
ist. Wenn schon Boca, dann ein Besuch in der stets
bis zum Bersten gefüllten la bombonera, der Pralinenschachtel – dem
Hort aus Beton der Boca Juniors, Argentiniens Antwort
auf Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Einmal das Derby
gegen den Erzrivalen River Plate, den millionarios
aus dem Norden, erleben, das hinterlässt Spuren.
Selbst bei denen, die mit dem Ball nichts am Fuß haben.
Denn das Duell beider Teams ist eine Kunstform, es
folgt einer vertrauten Dramaturgie mit wenigen Variablen.
Die Konstanten? Ballverliebte, narzistische Akteure
mit schlimmen 80-Jahre-Frisuren machen Theater auf
dem Rasen, der Fußball wird hier wirklich zur
Nebensache, nicht unbedingt zur Schönsten. Es
wird gezetert, getreten, geschlagen, nur nicht gespielt – davon
unberührt skandiert eine 57.000 Fan starke Kehle
ununterbrochen vereinseigenes Liedgut. Das Stadion,
es ist ein Mikrokosmos, ein unter Hochdruck stehender
Kessel, der für einen Moment menschliches Treibgut
zu einer Einheit verschweißt. Ein 90 minütiger
Schulterschluß in blau-gelb. Boca, eigentlich
der Club der Arbeiter – wiewohl sein Präsident
wiederum der reichste Mann der Stadt ist - und doch
brüllen sich in den Fankurven Anwälte, Ärzte
und Arbeitslose Seite an Seite die Seele aus dem Hals.
Tags darauf wird der Arbeitslose dem Anwalt als piquetero
(grob übersetzt: organisierte Arbeitslosenbewegungen)
begegnen. Er wird ihn vielleicht sogar wieder erkennen,
wenn er sich ihm vors Auto wirft, den Verkehr lahm
legt, zusammen mit zu vielen anderen Beschäftigungsarmen,
die auf Schildern vor den werktätigen porteños
eine Flut politischer Protestparolen ausloben. Eine
Flut, die wirkungslos verebbt. Doch das ist eben diese
Stadt – ein menschgewordener, ein menschlicher
Widerspruch, den zu entdecken und verstehen zu lernen,
sich lohnt.
Und es sind diese Widersprüche, die sich am
meisten zu entdecken lohnen. Nicht im touristisch
aufgefrischten Hafenviertel Puerto Madero mit seinen
schnieken Speichern. Auch nicht auf dem überinszenierten,
sonntäglichen Flohmarkt des Plaza Dorrego. Doch
vielleicht schon ein paar Gassen weiter, in den unscheinbaren,
kopfsteinbepflasterten, von denen das im Kern charmante
San Telmo einige hat. In den wunderschönen Parkanlagen,
die sich als ein träges, mal alleingelassenes,
mal gepflegtes Biotop entlang der Verkehrsadern Avenida
Libertador und Avenida Figueroa Alcorta kilometerlang
dahin schlängeln. In den zahllosen parillas,
den kleinen Grillrestaurants, die man barrioübergreifend
an bald jeder dritten Straßenecke findet und
in denen ohne viel Federlesen Berge von Steaks ihren
Weg in den Gast finden. Oder auf den kleinen, verspielten
Plätzen von Palermo Viejo, in der Straße
Baez des herrlich unprätensiösen Las Canitas,
in den schattigen Alleen Belgranos und den mondänen
Straßen Recoletas. Überall dort, wohin
der Fremdenverkehr seinen Arm nur bedingt ausstreckt.
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