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Im Takt der Tradition (Welt am Sonntag 10/2005)
Man tanzt Tango, aber nicht oft, die Wirtschaft stagniert, aber die Lebenslust ist ungebrochen. Buenos Aires straft alle Klischees von Traurigkeit und Depression Lügen.
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Es heißt doch, man soll ihn nicht aufhalten! Den Reisenden. Daran hält sich auch Senor Roberto Lavagna und begibt sich auf eine weite Reise durch viele Länder. „Roadshow“ tauften die Presse medienwirksam den ambitionierten Einsatz des argentinischen Wirtschaftsministers, der der Welt etwas zeigen möchte. Nicht etwa ein straßentaugliches Produkt, sondern den Weg aus der Schuldenkrise. Und der ist einfach: Ein Großteil der Gläubiger soll Verzicht üben. Welche Schuld? Welche Krise? Die Argentinier stecken zwar tief in der Kreide, aber deshalb müssen sie sie ja nicht fressen. Die Argentinier und ganz besonders die Bewohner der Hauptstadt, sie sind Verdrängungsweltmeister. Sie „leben von der Illusion und hassen die Pflicht“, bemerkt ein aufmerksamer Zeitgenosse.

Ob man ein Porträt von oder zu Buenos Aires auch anders beginnen kann? Sicher. So wie viele, die bei diesem Thema sofort einer Depression anheim fallen, die unbeirrt dem Duktus von Trübsinn und Verzweiflung gehorchend über die Tristesse der Bevölkerung und über tote (Evita, Che) und halbtote (Maradona) Ikonen referieren, für die “Schwermut über der Stadt wie ein Gewitter liegt“, die immer wieder die dichterische Allzweckwaffe Borges bemühen, die der Kapitale stets aufs Neue das Prädikat “Paris Südamerikas“ umhängen, die Sätze bilden wie “Buenos Aires ist die Fortsetzung der Pampa mit anderen Mitteln“ - schön gesagt, doch was heißt das? Wer ist sie, diese Kapitale am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner, den porteños? Tatsächlich eine Urbanisation riesigen Ausmaßes, die den Blues hat, nur weil allerorten – nur eben nicht in der Stadt selbst – behauptet wird, aus ihr heraus sei beständig Tango zu vernehmen, jener “traurige Gedanke, den man tanzen kann“? Mitnichten!

Zwar sehnt der porteño nach diesem und jenem von einst, denn da war es besser und er hadert. Mit bestechlichen Politikern, mit der argentinischen Nationalelf, mit dem internationalen Währungsfond. Und anschließend mit sich selbst. Dann trinkt der Mann (und die Frau) von der Straße seinen mate, melancholisiert, nostalgisiert ... que va`cer ... was kann man schon tun ... und seine Stimmung oszilliert irgendwo zwischen Euphorie und Weltuntergang – doch wirklich depressiv, sozusagen Tango-depressiv ist niemand. Auch nicht die Besserverdienenden, die wie beseelt die Couches der Therapeuten bevölkern. Kein Ort der Welt, außer vielleicht Woody Allens New York, weist eine so lückenlose Deckung an Seelenklempnern aus, hier wird tatsächlich Deutsch gelernt, um Freud auch im Original nicht zu verstehen. Besserverdienen? Das tun immer weniger, der jüngste Kollaps im Anschluss an die korrupten Menem-Jahre, der Währungsverfall und die Bankenkrise haben die Dollar-Sparguthaben ausradiert. Und die Mittelschicht, denen diese Konten gehörten, gleich mit.

Ein Dilemma für die Einheimischen, ein Segen für die Einreisenden. Buenos Aires gibt es seit fast zwei Jahren im Sonderschlussverkauf, alles muss weg, alles mit 70 Prozent Rabatt. Doch Buenos Aires steht nicht wie eine billige, abgetakelte Bordsteinschwalbe am Straßenrand, es biedert sich nicht an und will auch nicht gekauft werden. Buenos Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken, was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen Ayre seit seiner Gründung 1536 ist – la aldea, das große Dorf. Eine Siedlung, die nie wirklich erwachsen wurde, in der aber in den letzten 468 Jahren – die Umkehrung des deutschen Einheits-Klischees mag man verzeihen - zusammenwuchs, was eigentlich nicht zusammengehört. Wenn morgens im vornehmen Recoleta die paseadores (Hundeführer) eine eklektische Schar hochgezüchteter Vierbeiner in die zahlreichen Parks geleiten, dann ist doch das angeleinte Nebeneinander von Huskies, Dobermänner und Schäferhunden eigentlich die Anleitung zum gefundenen Fressen. Und gefressen werden. Doch nichts der Gleichen. Stattdessen eine Metapher: Was der Köter schafft, bekommt auch die zweibeinige Spezies prima geregelt. Blickt doch der porteño auf jüdische und arabische Wurzeln, rühmt er sich einer italienischen, französischen oder deutschen Herkunft, glaubt er griechisch-orthodox, moslemisch oder katholisch – hier koexistiert alles und jedes fern von rassischen oder religiösen Ressentiments.

Sicher, fast jeder hat im Laufe der Jahre seinen Stadteil, sein barrio, behauptet. Der Franzose das mondäne Recoleta, die Deutschen das biedere Belgrano, die Italiener das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere Palermo, die Engländer Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt. Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer großen Molochs – das Saarland ist etwas kleiner – mischt sich dann alles.

Wenn es also nicht der Tango ist, der die Menschen bewegt – die Wenigsten können sich wirklich zu ihm bewegen – was dann? Politik, Fußball, Steaks und die chicas. Und der Verkehr an sich. Eine Armada altgedienter Peugeot 504, am Steuer taxistas, Taxifahrer, deren Bleifüsse vom Gen Fangios gesteuert werden, colectivos, chromblitzende Busse, in Wirklichkeit jedoch schnaubende, gedopte Stiere mit Motoren auf der Jagd nach Zeit und Fußgänger. Die Straßen? Boulevards ungleich schmaler als die Elbmündung, in deren Fahrwasser auf zehn ausgewiesenen Fahrbahnen mindestens 16 Fahrzeuge versuchen, ohne Feindberührung aneinander vorbeizuströmen. Deshalb, wer wirklich etwas entdecken will, der geht zu Fuß.

Wo sind sie, die Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische Antwort: Überall. Und meistens dort, wo sie nicht ausgewiesen sind. Deshalb: Niemals sich dem Diktat wohlmeinender Stadtführer beugen. Man fängt am besten irgendwo an, denn Buenos Aires ist sowieso nirgends. Schon gar nicht dort wo die “gute Luft“ einst anfing, in La Boca, damals, als die italienischen Einwanderer dort landeten und auch dort blieben, als die besser Situierten im Anschluss an das große Gelbfieber von 1871 in Richtung Norden mäanderten. Heute zieht aus einem längst verstorbenen Seitenarm des Rio de la Plata beißender Gestank durch die schmalen Gassen von La Boca. Und sonst nichts! Der berühmte carminito? Viel bemühtes Postkartenmotiv und in Wahrheit nicht mehr als ein paar bunt getünchte Wellblechhütten, vor denen Künstler, die nicht wirklich können, Kunst feilbieten, die keine ist. Wenn schon Boca, dann ein Besuch in der stets bis zum Bersten gefüllten la bombonera, der Pralinenschachtel – dem Hort aus Beton der Boca Juniors, Argentiniens Antwort auf Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Einmal das Derby gegen den Erzrivalen River Plate, den millionarios aus dem Norden, erleben, das hinterlässt Spuren. Selbst bei denen, die mit dem Ball nichts am Fuß haben. Denn das Duell beider Teams ist eine Kunstform, es folgt einer vertrauten Dramaturgie mit wenigen Variablen. Die Konstanten? Ballverliebte, narzistische Akteure mit schlimmen 80-Jahre-Frisuren machen Theater auf dem Rasen, der Fußball wird hier wirklich zur Nebensache, nicht unbedingt zur Schönsten. Es wird gezetert, getreten, geschlagen, nur nicht gespielt – davon unberührt skandiert eine 57.000 Fan starke Kehle ununterbrochen vereinseigenes Liedgut. Das Stadion, es ist ein Mikrokosmos, ein unter Hochdruck stehender Kessel, der für einen Moment menschliches Treibgut zu einer Einheit verschweißt. Ein 90 minütiger Schulterschluß in blau-gelb. Boca, eigentlich der Club der Arbeiter – wiewohl sein Präsident wiederum der reichste Mann der Stadt ist - und doch brüllen sich in den Fankurven Anwälte, Ärzte und Arbeitslose Seite an Seite die Seele aus dem Hals. Tags darauf wird der Arbeitslose dem Anwalt als piquetero (grob übersetzt: organisierte Arbeitslosenbewegungen) begegnen. Er wird ihn vielleicht sogar wieder erkennen, wenn er sich ihm vors Auto wirft, den Verkehr lahm legt, zusammen mit zu vielen anderen Beschäftigungsarmen, die auf Schildern vor den werktätigen porteños eine Flut politischer Protestparolen ausloben. Eine Flut, die wirkungslos verebbt. Doch das ist eben diese Stadt – ein menschgewordener, ein menschlicher Widerspruch, den zu entdecken und verstehen zu lernen, sich lohnt.

Und es sind diese Widersprüche, die sich am meisten zu entdecken lohnen. Nicht im touristisch aufgefrischten Hafenviertel Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern. Auch nicht auf dem überinszenierten, sonntäglichen Flohmarkt des Plaza Dorrego. Doch vielleicht schon ein paar Gassen weiter, in den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten, von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat. In den wunderschönen Parkanlagen, die sich als ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes Biotop entlang der Verkehrsadern Avenida Libertador und Avenida Figueroa Alcorta kilometerlang dahin schlängeln. In den zahllosen parillas, den kleinen Grillrestaurants, die man barrioübergreifend an bald jeder dritten Straßenecke findet und in denen ohne viel Federlesen Berge von Steaks ihren Weg in den Gast finden. Oder auf den kleinen, verspielten Plätzen von Palermo Viejo, in der Straße Baez des herrlich unprätensiösen Las Canitas, in den schattigen Alleen Belgranos und den mondänen Straßen Recoletas. Überall dort, wohin der Fremdenverkehr seinen Arm nur bedingt ausstreckt.



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